Bündner Wappentiere

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Auf die Tage im Engadin freue ich mich immer besonders. Wie auch ins Tessin fahre ich nur einmal pro Jahr dorthin, da der Anfahrtsweg doch etwas länger ist. Letzten August stand wieder einmal das Oberengadin auf dem Plan, nachdem ich die vergangenen beiden Jahre im Unterengadin und Val Müstair verbrachte. Das Hochtal mit den Seen und vergletscherten Berggipfel habe ich seit meinem ersten Besuch ins Herz geschlossen, für mich eine der schönsten Gegenden der Schweiz. Nicht wirklich schön hingegen ist St. Moritz, eine hässliche Betonwüste für die selbsternannte Elite. Da bevorzuge ich lieber Pontresina, das historische Bergsteigerdorf mit den traditionellen Engadiner Häusern und alten Belle-Epoque Hotels hat seinen ursprünglichen Charme behalten und versetzt einem in eine längst vergangene Zeit zurück. Bei meinen letzten beiden Besuchen in Pontresina logierte ich im Hotel Steinbock, leider war da aber schon alles besetzt und so buchte ich mir diesmal im Hotel Rosatsch ein Zimmer. Dieses liegt mitten im Zentrum von Pontresina und die Ankunft erfolgt standesgemäss, hier fühlt man sich als Biker gleich wohl.
 
 
Nach einem reichhaltigen Frühstück starte ich am nächsten Morgen auf die erste Tour, während der Nacht hat es geregnet und ist noch etwas wolkenverhangen. Der Flax entlang radle ich am Flughafen vorbei und komme zum Lej da Gravatscha, hier vereint sich das Schmelzwasser aus dem Berninagebiet mit dem noch jungen Inn. Durch die Wolken hindurch kann ich weit oben schon das Ziel des nächsten Tages erkennen, dort möchte ich morgen hinauf.
 
 
In dem Dorf wo unser TV-Restauranttester einst hinterm Herd stand, biege ich ab in eines der urtümlichsten Seitentäler des Oberengadins. Am Taleingang müssen sich die Naturstrasse und der Bergbach den knappen Platz zwischen den steilen Felswänden teilen, aber schon bald wird das Tal breiter. Es soll hier ein Bartgeierpaar geben, welches in den letzten Jahren schon mehrmals Junge aufgezogen hat. Leider bekomme ich den König der Lüfte heute nicht zu Gesicht.
 
 
Plötzlich stehe ich vor einem imposanten Gebäude. Das "Haus Serlas" wurde 1827 erbaut und besteht aus einer Alpkäserei, Schlafräumen für die Angestellten, einem Herrenteil und einer grossen Stallscheune. Die Meierei wurde anfänglich das ganze Jahr über bewohnt, bis eines Winters ein Knecht an einer Blinddarmentzündung verstarb. Der Weg ins Tal war abgeschnitten und so wurde der Leichnam bis zum Frühling auf dem Estrich aufbewahrt. Dies führte bei den gläubigen Talbewohnern zu Protesten und der Ganzjahresbetrieb wurde daraufhin aufgegeben. Heute dient es der Eigentümerfamilie als Jagd- und Wochenendsitz.
 
 
Hinter der alten Meierei überquere ich die Brücke und verlasse das breite Tal. Auf dem Alpsträsschen fahre ich in das schmale Nebental hinein, bis ich zu einer Alphütte komme. Hoch über der Alp thront der mächtige Piz Languard und den steilen grasbewachsenen Hang davor gilt es als nächstes zu erklimmen. Ich hänge das Bike an den HookaBike und mache mich von der Jungmannschaft beäugt auf den Weg nach oben.
 
 
Weiter oben wird es wieder etwas flacher, hier haben es sich die erwachsenen Muh-Muhs mit Blick auf den Piz Languard gemütlich gemacht. Ich wandere weiter und erblicke zu meiner Rechten plötzlich ein paar Steinböcke. Beim genaueren Hinsehen werden es immer mehr, ich kann mein Glück kaum fassen, so viele dieser majestätischen Tiere auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen. Einst ausgerottet, schmuggelten italienische Wilderer anfangs des 20. Jahrhunderts mehrere Steinbockkitze in die Schweiz, welche sie dem italienischen König am Gran Paradiso entwendet hatten. Heute zählt die grösste Schweizer Steinbockkolonie rund um den Piz Languard stolze 1800 Tiere.
 
 
Ohne Scheu kann ich mich den prächtigen Tieren nähern und sie beobachten. Ich vergesse die Zeit und kann mich kaum mehr losreisen, was sich schon kurz darauf rächen wird. Nachdem ich wieder losmarschiert bin, kommen die dunklen Wolken schnell näher und schon fallen die ersten Tropfen vom Himmel. Da verweilte ich wohl etwas zu lang bei den Ibexen, schnell die Regenklamotten aus dem Rucksack hervorgeholt und die letzten Meter bis zur Fuorcla in Angriff genommen.
 
 
Da stehe ich nun hier oben auf fast 2900müM und der Regen prasselt nieder, eine Viertelstunde weniger Steinbockgucken und ich hätte die Abfahrt noch trocken geschafft. So wird es aber zu einer rutschigen Angelegenheit und ich steige vorsichtshalber immer mal wieder ab, in trockenem Zustand wäre die Abfahrt ein Traum. Als der Regenschauer vorbei ist, habe ich den grössten Infinity-Pool der Alpen erreicht. Hier war ich vor ein paar Jahren bei meinem ersten Engadinbesuch schon einmal.
 
 
Bei Sonnenschein wäre der schöne Bergsee prädestiniert für ein Päuschen, so aber setze ich meinen Weg fort und flitze nach einem kurzen Gegenanstieg dem Bergrestaurant entgegen. Der Vorteil des schlechten Wetters, ich habe den sonst von Wanderern stark frequentierten Panoramaweg ganz für mich allein. Die Aussicht ist trotz den Wolken super, wie ein aufgeschlagenes Buch liegt die Oberengadiner Seenplatte vor mir.
 
 
Im Bergrestaurant kann ich die Regenklamotten wieder ausziehen und mich bei Kaffee und einem Schokoladenmuffin aufwärmen. Ich blicke zurück hinauf zur Fuorcla, wo ich noch vor kurzem im Regen stand. Durch das darunterliegende Tal bin ich auch schon abgefahren, als ich dem Bergsee das letzte Mal einen Besuch abstattete. Heute möchte ich aber eine andere Abfahrt ausprobieren, die auf der Karte vielversprechend aussieht.
 
 
So schnell kann sich das Wetter ändern, mittlerweile scheint wieder die Sonne und ich starte auf den letzten Trail des Tages. Dieser entschädigt für die Rutschpartie oben an der Fuorcla, schön technisch ist er voll und ganz nach meinem Geschmack. Über Spitzkehren und Wurzeln geht es talwärts, auch hier kommt mir der vergangene Regenschauer zu nutzen, freie Fahrt ohne Rotsocken. Die nassen Wurzeln sind zwar nicht ganz ohne, aber ich meistere die Herausforderung trotz naher Landebahn ohne Abflug.
 
 
Durch den Wald geht es anschliessend zurück nach Pontresina. Dabei unterquere ich die rote Standseilbahn, welche die Panoramahungrigen hinauf zum Bergrestaurant bringt. Als Wanderer kann man sich damit die 700 Höhenmeter Aufstieg ersparen, Biker aber nimmt sie keine mit. Dies ist auch gut so, denn sonst wären die Wanderwege wohl innert Kürze ausgefahren und Konflikte vorprogrammiert.
 
 
Die Bahn wurde 1907 fertiggestellt und ist die älteste Bergbahn im Engadin. Es ist immer wieder bewundernswert, was die Bahnbaupioniere damals ohne die heutigen technischen Hilfsmittel geleistet haben. Zurück im Hotel lasse ich es mir gutgehen, für das leibliche Wohl ist gesorgt und dies ist in den Ferien genauso wichtig wie gute Trails. Die erste Tour war schon mal ein Volltreffer, trotz der unfreiwilligen Dusche von oben und ich freue mich schon auf den morgigen Tag und den Gipfel, welchen ich am Morgen durch die Wolken sah.
 

6 Comments

  1. IBEX73 sagt:

    Saugeil! Begegnungen mit dem Capra Ibex sind immer majestätisch…..(auch wenns regnet) …kriege grad Gänsehaut!! Soviele gabs an ihrem Herkunftsort dieses Jahr nicht…

  2. ROTSCHER sagt:

    So eine Steinbocksichtung, in diesem Ausmass, fehlt mir noch in meiner Bikerkarriere 🙂 Nur schon das wäre ein Grund, ins Oberengadin zu reisen.
    Und ja, die Abfahrt vom Ausflüglerberg habe ich vor vielen Jahren auch gefahren, echt super.

    • Sven sagt:

      Rund um den Piz Languard stehen die Chancen relativ gut und es hätte da auch noch die einte oder andere Experimentaltour, welche man mal auskundschaften könnte 😉

  3. Ventoux sagt:

    Kannst Du mir bitte den Track zustellen??? 😉 Nein klar, gierig wie ich bin habe ich Deine wunderschöne Tour sofort auf der Karte nachvollzogen, einfach sackgeil! Und Deine Einschätzungen über Pontresina kann ich nur bestätigen, beschaulich, gemütlich. Und dann das Bündner Wappentier, wunderschön majestätisch. Als ich vor 20 Jahren noch auf dem Beatenberg wohnte, hatte ich meine schönsten Erlebnisse mit diesen Tieren. Ich begegnete oft auf meiner Feierabendtour einem alten, fast schwarzen Steinbock. Er stand immer am Wegrand, als ob er auf mich warten würde. Ich konnte mich ihm bis auf 5 Meter nähern und habe immer mit ihm gesprochen. Ein sehr einschneidendes Erlebnis… Oder meine Begegnungen auf dem Gemmenalphorn mit ganzen Steinbockfamilien, den Kleinen beim spielen zusehen.

    • Sven sagt:

      Hehe, das hätte mich auch gewundert, wenn Sherlock Ventoux die Tour nicht so hätte nachvollziehen können 😃

      Genial, solche Feierabenderlebnisse sind unvergesslich 😎 ganz so nah kam ich den majestätischen Tieren leider nicht und auch Steinbockkitze bekam ich noch nie zu Gesicht, ausser in diesem Film aus längst vergangener Zeit *innostalgieschwelg*
      https://www.youtube.com/watch?v=iQFEw5rLinc

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