Die kleinste Whiskybar

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Den Piz Umbrail hatte ich schon lange vor dem Video mit der kleinsten Whiskybar der Welt auf meiner Wunschliste. Nach der Veröffentlichung im Ride hatte ich aber etwas Bedenken, ob ich die Tour trotzdem in Angriff nehmen soll, denn wie man so hört, ist sie seither recht stark frequentiert. Nach dem Piz Terza und vor dem grossen Vorhaben für den nächsten Tag, kam mir aber so eine kleine gemütliche Tour wie gelegen und ich reservierte mir einen Platz im gelben Bikeshuttle. Am Morgen staune ich nicht schlecht, die Bikes auf dem Anhänger kann man an einer Hand abzählen und ich frage den Chauffeur, ob sich der Andrang mittlerweile wieder etwas gelegt habe. Hat er sich nicht, es ist nur kurz davor schon ein Extrakurs von Santa Maria aus losgefahren. Ich geniesse die Panoramafahrt auf den Umbrail, während uns der gutgelaunte Chauffeur die Gegend erklärt.
 
 
Bei der höchstgelegenen Postautohaltstelle der Schweiz steige ich aus und beginne das Bike den Hang hinauf zu schieben. Beim Blick nach oben sehe ich viele farbige Punkte, der Piz Umbrail scheint an so einem schönen Sommertag bei Bikern und Wanderern gleichermassen beliebt zu sein. Ich komme zügig voran und die farbigen Punkte kommen immer näher, wie sonst im Strassenverkehr muss ich jetzt Tempo rausnehmen und auf eine gute Überholmöglichkeit warten.
 
 
So muss es sich wohl auch am Mount Everest anfühlen, wenn sich die Bergsteiger stauen und es nur noch im Gänsemarsch vorwärts geht. Ist aber nicht so schlimm, ich war ja darauf vorbereitet und es hat schon fast einen belustigenden Charakter. Dafür kann die Landschaft ringsherum punkten, Geröllhalden, Felsen und Steine in den verschiedensten Formen, das gefällt mir.
 
 
Auch der Blick hinunter in das Val Muraunxa erfreut das Auge, man sieht gut wie sich die erst seit vorletztem Jahr komplett asphaltiert Strasse über unzählige Kurven durch das grüne Tal hinauf zum höchsten Schweizer Strassenpass windet. Jetzt komme ich zu der steilsten Stelle wo der Weg mit Ketten gesichert ist und kann die kuriosesten Tragetechniken beobachten.
 
 
Ein paar der Biker tragen ihr Bike wohl das erste Mal, einer muss sogar nochmals zurück, um das Bike der Freundin auch noch rauf zu schleppen. Tja, im Hochglanzmagazin und den Filmchen sieht dies halt immer viel einfacher aus. Kurz darauf stehe ich dann mit allen anderen zusammen auf dem Gipfel, der Platz ist knapp und das Gipfelerlebnis dementsprechend eher bescheiden.
 
 
Mit Blick auf König Ortler und das Stilfser Joch futtere ich einen Brownie und warte einen freien Slot ab, um in die Abfahrt zu starten. Ein Wunder hat es hier oben noch keinen Automaten, wo man sich für die Abfahrt ein Ticket ziehen muss.
 
 
Die Abfahrt ist anfangs recht steil, schottrig und schon arg zerRIDEt, die Kehrseite der Medaille, wenn eine solche Tour in den Massenmedien publiziert wird. Wirklich Spass macht es so weder als Biker noch als Wanderer und nicht wenige sind mit dem hochalpinen Gelände überfordert, zu Fuss und zu Rad, obwohl der Weg nicht wirklich hohe Anforderungen stellt. Trotzdem aber eine schöne Hochtour in einer superschönen Umgebung, einfach aktuell ein bisschen zu Überlaufen.
 
 
Nach dem ersten Steilstück wird es dann schon bald flacher und flüssiger fahrbar, es geht rein ins Val dal Lai, welches mich runter zum Lai da Rims bringt. Schon von weitem kann ich ihn erkennen, wie er in der Ferne türkisblau leuchtet, der angeblich schönste Bergsee der Alpen. Hier macht der Trail wieder mehr Spass und ich habe bis zum See hinunter sogar freie Fahrt.
 
 
Die Beschreibungen haben nicht zu viel versprochen, der Lai da Rims ist wirklich einer der schönsten Bergseen die ich je besucht habe. Türkisblau schimmernd liegt er in einem Bergkessel eingebettet zwischen Piz Praveder, Piz dal Lai und Cucler da Valpaschun. Auf der nördlichen nichtbegrenzten Ausflussseite geht es nach ein paar Metern schon fast senkrecht nach unten, das kühle Nass stürzt da über den Lai da Rims Wasserfall in die Tiefe.
 
 
Am Ufer des Sees lege ich mich in die Sonne und halte ein Mittagsschläfchen, es sind ja schliesslich Ferien und warum in die Ferne schweifen, wenn man das Strandfeeling auch hier 2400 Meter über dem Meeresspiegel haben kann. Ein paar ganz harte Biker wagen sogar den Sprung ins eiskalte Wasser, dies muss ich dann aber doch nicht haben.
 
 
Ausgeschlafen mache ich mich jetzt an die Abfahrt, es geht rechts vom See dem Bergbach entlang durch einen Geländeeinschnitt nach unten. Hier im abschüssigen Gelände und über die engen Kehren ist der Fahrer wieder etwas mehr gefordert und es hat mittlerweile auch nicht mehr ganz so viele Wanderer, ganz nach meinem Geschmack.
 
 
Weiter geht es über etliche Serpentinen um diesen schönen Wasserfall herum, der Trail ist super zu fahren und zeitweise schon fast flowig. Dieser Teil der Tour vom Lai da Rims bis zur Aua da Rims hinunter gefällt mir am besten, viel besser als der obere Teil beim Piz Umbrail.
 
 
Die Brücke über die Aua da Rims wurde vor kurzem bei einem Unwetter weggerissen, ich komme aber trotzdem fast trockenen Fusses rüber und setzte meinen Weg fort. Durch das Val Vau gelange ich schliesslich wieder zurück nach Santa Maria und radle von dort aus weiter nach Müstair, wo schon ein kühles Weizen auf mich wartet. Für den kleinen Hunger zwischendurch gönne ich mir dazu noch einen leckeren Cheeseburger. Ein schöner Relaxtag war dies heute, bevor es morgen auf die grosse Tour geht.
 
 
Fazit: Ich finde den Hype um diese Tour über den Piz Umbrail etwas übertrieben. Schön ist sie schon, keine Frage, aber da bin ich definitiv schon bessere Hochtouren gefahren. Punkten konnte sie bei mir vor allem landschaftlich und das Beste an dem Tag war das Mittagsschläfchen am wunderschönen Lai da Rims. Apropos kleinste Whiskybar der Welt, dafür musste ich abends nicht einmal das Hotel verlassen, denn diese habe ich auf Reisen immer dabei. In diesem Sinne, Sláinte ... oder wie man hier sagt, Viva!
 


volle Distanz: 17.85 km
Maximale Höhe: 3001 m
Minimale Höhe: 1257 m
Gesamtanstieg: 526 m
Gesamtabstieg: -1769 m

3 Kommentare

  1. ROTSCHER sagt:

    Wunderschön der Bergsee und die Berggipfel … aber einen Völkerauflauf brauche ich nicht. Dann verschiebe ich diesen Gipfel auf spätere Jahre. Das ist nun mal die Kehrseite vom ganzen RIDE-Hype … mit bedenklichen Konsequenzen.
    Gut gibt es unsere Blogs, wo noch klar und realistisch berichtet wird, ohne nur Mediengeil zu sein. Viva Sven … 😁

    • Sven sagt:

      Ja leider, so krass wie hier habe ich diese Kehrseite aber noch nie selbst miterlebt. Auf der einen Seite sind es die Massen und auf der anderen Seite WIE gefahren wird, eine ungesunde Mischung und dazu kommen jetzt noch die immer leichteren und uphillfähigeren E-Bikes. Mich hatte es eh gewundert, dass keiner ein solches dort versuchte rauf zu schleppen. Der Piz Umbrail ist da aber sicher auch ein bisschen ein Spezialfall, wo kommt man sonst schon mit so wenig Aufwand auf einen 3000er. Trotzdem bin ich in letzter Zeit immer mehr im Zwiespalt, wie viele Infos ich zu meinen Tour hier überhaupt noch veröffentlichen soll.

      • ROTSCHER sagt:

        Ja genau, die Zweifel über die Daten und Infos die wir mit dem Blog weitergeben, befallen mich auch immer wieder. Aber in der heutigen Zeit kann wohl alles herausgefunden und nachvollzogen werden. Je nachdem mit kleinerem oder grösserem Aufwand. Daher mache ich kein grosses Geheimnis aus meinen Abenteuern, auch wenn ich nicht immer offensichtlich die Route beschreibe und auch keine GPS-Daten ins Netz stelle. Ich versuche somit einen vernünftigen Mittelweg zu gehen.
        Wie auch immer, ich freue mich auf noch viele Gipfel, nahe und ferne, leichte und schwierige, bekannte und unbekannte, beliebte und einsame …

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