Die schöne Teufelin

28. Februar 2019
Auf den Spuren der Vertriders
21. Februar 2019
Glacier de Corbassière
13. März 2019
 
Meine erste richtige Bikebergsteigertour, wo das Bike über eine längere Strecke getragen werden musste, führte mich vor ziemlich genau drei Jahren auf die Diavolezza. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals von der hochalpinen Gletscherlandschaft dort oben geflasht war. Höchste Zeit der schönen Teufelin wieder einmal einen Besuch abzustatten. Heute schenke ich mir den ersten Teil und lasse mich im roten Bähnchen gemütlich durch das Val Bernina bis zur Talstation chauffieren. Die Wanderer steigen jetzt in die Seilbahn um und für mich beginnt der lange Aufstieg, denn auch diese Bahn nimmt keine Biker mit. Ich finde dies hier ganz gut geregelt, die Bähnlibiker können sich auf den planierten Trails der Corvigliaseite austoben, während der Rest den Wanderern und Bikern die aus eigener Kraft aufsteigen vorbehalten ist. Diesmal wähle ich den direkten Weg über die breite Wintersportversorgungspiste und kann bis zum Speichersee die ganze Strecke schiebend zurücklegen. Beim Blick nach unten schimmert der Lej da Diavolezza türkisblau, die Farbe am Himmel hingegen wandelt sich immer mehr von Blau zu Grau. Ich hoffe das Wetter hält noch ein Weilchen und setzte meinen Weg fort.
 
 
Nach knapp zwei Stunden habe ich es geschafft und stehe oben vor der imposanten Gletscherarena, der Wow-Effekt ist auch beim zweiten Mal kein bisschen kleiner. Der Augenblick, wenn man das Joch erreicht und sich einem plötzlich der Blick auf ein Meer aus Eis und Schnee eröffnet, ist immer wieder aufs Neue überwältigend. Die schönsten und höchsten Bündner Gipfel sind zum Greifen nah, gewaltige Eisströme fliessen talwärts und in der klaren Bergluft liegt der Duft der Freiheit.
 
 
Nach einer von Generation zu Generation mündlich überlieferten Erzählung, wohnte vor vielen Jahren beim Munt Pers ein weibliches Wesen von unmenschlicher Schönheit. Dort, wo eingefasst von Felsentürmen und grossen Geröllhalden ein tiefblauer See die Sonne widerspiegelte. Hier pflegte das herrliche Weib, so wie es Gott (oder wer auch immer) geschaffen hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Und hier wollte es das Schicksal, dass es einige wenige Male von jungen Jägern flüchtig erblickt wurde. Kurze, fliehenden Momente reichten aus, um die Jäger ganz vernarrt und unvorsichtig werden zu lassen. Einige folgten der verlockenden Schönheit, die stets von einer Gämsherde bewacht war, über die Felsen bis hinüber zu ihrem Felsenschloss. Was dann dort geschah, weiss niemand. Denn ein Jäger nach dem anderen verschwand und verlor sich am Munt Pers. Keiner kam zurück. Auch Aratsch nicht, ein stattlicher Jüngling aus dem Dorf. Überall wurde vergeblich nach ihm gesucht und schliesslich musste man annehmen, er sei in die Gletscherbrüche am Pers gefallen oder irgendwo abgestürzt. Dann geschah Erstaunliches. Wer sich damals bei Einbruch der Nacht in der Region des Bernina-Massivs aufhielt, hörte vom Winde getragen eine Klagestimme folgende drei Worte ausrufen "mort ais Aratsch", was so viel heisst wie "Aratsch ist tot" und der Ursprung des Namens Morteratsch ist. War es die hübsche Teufelin Diavolezza, die wegen ihrer unfassbaren Schönheit mehrere Jünglinge in den Tod gerissen hatte? Beklagte sie den Tod Aratschs? Der Sage nach ja. So überliefert sie weiter, dass Diavolezza keine Ruhe fand, bis der Gletscher vorrückte und die ganze Alp bis hinunter ins Tal mit Eis und Geröll zugedeckt war. Danach wurde sie nie mehr gehört oder gesehen. Was nicht unbedingt heisst, dass sie nicht mehr hier ist ...
 
 
Heute ist auf der Diavolezza aber noch nicht Schluss, es fehlen noch 27 Höhenmeter bis zur magischen Grenze und der Gipfel daneben lächelt mich so schön an. Also schultere ich das Bike erneut und mache mich auf den Weg. Laut Wegweiser benötigt man 1 Stunde bis zum Gipfel, dies ist sehr grosszügig bemessen und ich komme auf dem gut ausgebauten Bergweg mit grossen Schritten zügig voran.
 
 
Nach der Traverse geht es den Gipfelhang hinauf und es kommen mir immer wieder Wanderer entgegen, welche bereits auf dem Abstieg sind. Mit solch einem Panorama vor den Augen läuft es sich fast von selbst und ich stehe schon bald oben auf dem Gipfel. Juhu geschafft, die Freude ist gross, Bike und Blogger strahlen vor dem Piz Palü um die Wette.
 
 
Beim Blick auf die andere Seite liegt das Val Bernina tief unter mir und eine grosse Anzahl an Seen leuchtet in den verschiedensten Blautönen. Lej Pitschen, Lej Nair und Lago Bianco reihen sich der Grösse nach auf und etwas weiter oben der Lej da Diavolezza, wo einst die hübsche Teufelin beim Baden die Blicke der Jäger auf sich zog.
 
 
Hier oben ist die Aussicht nochmals einen Tick exklusiver und ich habe sie im Gegensatz zu unten auf der Diavolezza ganz für mich allein, einen schöneren Platz für die Mittagspause gibt es wohl kaum. Der Tiefblick auf den Morteratschgletscher ist super, stimmt mich aber auch etwas traurig. Von dem einst stolzen Eisriesen ist kaum mehr etwas übriggeblieben, wenn das die schöne Teufelin wüsste.
 
 
Nach dem Piz Bernina mit dem Biancograt kann ich fast die Hand austrecken, dies hier ist ganz grosses Kino, IMAX-Feeling in Natura 3D. Ich könnte mir diesen Film noch stundenlang anschauen, aber beim Blick nach hinten ziehen über dem Piz Languard dunkle Wolken auf. Da scheint sich etwas zusammenzubrauen und ich breche lieber langsam auf, ein Gewitter an einem solch exponierten Ort stelle ich mir nicht gerade lustig vor.
 
 
Ich starte in die Abfahrt und wie heisst es so schön, Bilder sagen mehr als tausend Worte. Der Gipfelhang ist ein Träumchen und die Kulisse einzigartig. Hier vor der Crème de la Crème der Ostalpen auf dem Bike unterwegs sein zu dürfen ist etwas ganz Besonderes und hinterlässt bei mir einen tiefbleibenden Eindruck, ins Herz gemeisselt würde man jetzt im Wallis sagen.
 
 
Die Traverse zur Diavolezza zurück ist nicht durchgehend fahrbar, zu gross und zahlreich sind die Steine im ersten Teil. Mit dem Bike auf dem Rücken hüpfe ich wie eine Bergziege über das kleine Blocksteinfeld, bevor ich mich für das letzte Stück bis zur Bergstation wieder in den Sattel schwingen kann.
 
 
Im Restaurant gönne ich mir auf der Terrasse ein kühles Sinalco, ich kann mich kaum mehr losreisen von diesem spektakulären Blick. Ein bisschen neidisch bin ich schon auf den Herrn im Hotpot, der mit seiner Familie im Hotel den 50. Geburtstag feiert. Der Sprudeltopf mitten im Festsaal der Alpen ist einmalig, sowas gibt es sonst nirgendwo. Ich stelle mir schon vor, wie es wohl wäre, in einer sternenklaren Vollmondnach hier im warmen Wasser zu liegen und auf die umliegenden Gipfel zu schauen.
 
 
Schliesslich gebe ich mir einen Ruck und reisse mich von der Traumsicht los. Das erste Stück dem Diavolezzafirn entlang muss ich das Bike wieder hinuntertragen, bevor es fahrend weitergeht. Der Trail schlängelt sich wunderbar durch den steinigen Garten bis zum Corn Diavolezza, wo mich die steile Felstreppe erwartet. Die ersten paar Stufen absolviere ich noch auf dem Bike, steige aber dann doch lieber ab, denn ein Sturz hätte hier unschöne Folgen.
 
 
Der weitere Weg bis zum Lej da Diavolezza ist für mich nur gut zur Hälfte fahrbar, aber immer noch besser als die breite Schotterpiste hinunter zu fahren. Für die weitere Abfahrt entscheide ich mich diesmal für den Pfad wo ich das letzte Mal aufgestiegen bin. Irgendwie hatte ich das aber etwas anders in Erinnerung, auch hier ist leider lange nicht alles fahrbar. Die Variante vom letzten Mal nach Bernina Suot runter ist da definitiv die bessere Wahl.
 
 
Der Wasserstand des Lej d'Arlas ist aktuell sehr niedrig, da hatten die Kühe in diesem heissen Sommer wohl grossen Durst. Nach dem Lej d'Arlas ist der Trail wie ausgewechselt, mit viel Schwung geht es der Seen-Trilogie auf der Passhöhe entgegen. Über den Bernina-Express fahre ich anschliessend zurück nach Pontresina, einfach rollen lassen, als entspannender Abschuss nach solch einer genialen Hochtour ist der Weg ein Genuss.
 
 
Oberhalb Morteratsch treffe ich auf einen anderen Biker und wir rocken zusammen noch die restlichen Trails bis zum Ortseingang. Er ist im Hotel Walter zu Hause und gerade als wir dort eintreffen, fallen die ersten Tropfen vom Himmel. Das Timing war heute perfekt und ich komme kurz darauf noch fast trocken im Hotel an. Wie an den restlichen Tagen ist der Regenschauer aber nur von kurzer Dauer und eine halbe Stunde später scheint schon wieder die Sonne. Ich mache es mir mit einem feinen Bun-Tschlin auf dem Liegestuhl gemütlich und lasse die heutige Hammertour nochmals Revue passieren.
 
 
Am letzten Tag wollte ich eigentlich der Chamanna Coaz einen Besuch abstatten. Da ich es nicht so mit dem frühen Aufstehen habe, reicht es natürlich nicht auf die erste Gondel und ich pedaliere aus eigener Kraft zur Fuorcla Surlej hoch. Als ich oben ankomme ziehen schon rasch dunkle Wolken auf. Ich entscheide mich darum den Besuch bei der Hütte auf ein andermal zu vertagen und fahre direkt ins Rosegtal ab, ein guter Entscheid. Kurz vor Pontresina öffnet Petrus die Schleusen und ich bin innert Minuten klitschnass. So verbringe ich halt den Nachmittag im Wellnessbereich anstatt bei einem Stück Engadiner Nusstorte in der Coazhütte.

Schweren Herzens trete ich nach diesen wunderbaren Tagen im Engadin wieder die Heimreise an, ich wäre gerne noch länger geblieben. Die Begegnung mit den Bündner Wappentieren, die beiden Panoramagipfel, die Gletscherarena, das schöne Zimmer und der Rundum-Verwöhnservice im Hotel Rosatsch, ich fühlte mich wie im Paradies und hatte lange nicht mehr so erholsame Ferien. Es ist ein bisschen wie eine andere Welt hier hinter dem Julier, eine heile Welt, wo die Schweiz noch so ist wie ich sie mir zurückwünsche, ich komme garantiert wieder.
 

2 Comments

  1. IBEX73 sagt:

    Hoi Sven,danke für die tollen Bilder! Die machen mich auch ganz gluschtig auf diese Ecke der Schweiz….letzten Herbst sollte es ja nicht sein,hmmmm…wobei ich ja einen adäquaten Ersatz gefunden habe.Muss mal unseren Forumskollegen fragen,ob ihm bei seinem” teuflischen Dreier” dort oben die Sagenfrau erschienen ist…vielleicht brauchts aber auch nur einen stattlichen CapraIBEX,um sie aus der Deckung des Eises zu locken….wie auch immer: eine schöne Geschichte,die ich so auch noch nicht kannte.
    Ride on!

    P.S.: C.Coaz….Du alter TT-Fan,du….hahaha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.