Die Schwestern

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Nach dem verregneten Juli zeigte sich der Spätsommer einmal mehr wettertechnisch von seiner besten Seite, also schnell ein Zimmer in meinem Lieblingshotel gebucht und ab ins Engadin. Darauf freue ich mich immer besonders, es ist mittlerweile wie ein Heimkommen und neben den Ticinodays ein Fixpunkt im jährlichen Bikekalender. Die beiden Schwestern hoch über Pontresina und den steilen Hang mit den unzähligen Lawinenverbauungen habe ich schon öfters betrachtet und mich dabei gefragt, ob da mit dem Bike wohl was geht. Probieren geht über Studieren und so steht der Plan für den ersten Tag fest, ich werde den beiden Schwestern einen Besuch abstatten. Am Morgen decke ich mich in der Bäckerei mit etwas nusshaltigem Proviant ein und schaue mir das heutige Ziel nochmals von unten an, bevor ich mich aufs Radl schwinge.
 
 
Die Einrollstrecke ist heute kurz, hinter den letzten Häusern ist bereits finito mit Fahren und ich wechsle in den Schiebemodus. Während die Turnschuhtouristen über mir mit dem Sessellift zur Alp Languard hinaufschweben, erklimme ich die Höhenmeter aus eigener Kraft. So etwas Morgensport bringt den Kreisluft in Schwung und macht Appetit, darum muss die Engadiner Nusstorte dann auch schon bei der Bergstation dran glauben. Die beste Bündner Leckerei und die schönsten Bündner vereint, einer der Gründe warum es mich immer wieder hierherzieht.
 
 
Nach dem Warm-up folgt nun der anstrengendere Teil und die grüne Diva kann es sich für die nächsten 650 Höhenmeter auf meinen Schultern gemütlich machen, während es mit wunderbarem Tiefblick auf Pontresina zwischen den unzähligen Lawinenverbauungen durch den Schafberg geht. Der Weg von der Alp Languard zur Segantinihütte ist ein Klassiker und ich überhole den einte oder anderen Turnschuhtouristen, welcher deutlicher unsicherer unterwegs ist als ich mit meinem ausladenden Gepäck. Später biege ich dann von der ausgebauten Wanderautobahn ab und frage mich schon bald, ob es wohl wirklich Sinn macht das Bike noch weiter hinauf zu schleppen. Aber es kommen immer wieder fahrbare Abschnitte und ich ziehe meinen Plan bis zum Gipfel durch.
 
 
Die grössere der beiden Schwestern ist leider nicht wirklich begehbar und so mache ich es mir auf dem Westgipfel gemütlich. Beim Blick hinüber zum Piz Muragl fällt mir sofort ein Ibex auf, welcher sich dort auf den Felsen um einiges graziler bewegt als ein gewisser Halbmondbiker. Von hier oben habe ich auch einen super Blick auf den Lej Muragl und die gleichnamige Fuorcla, wo ich vor ein paar Jahren auf eine ganze Herde dieser majestätischen Wappentiere stiess. Da die Nusstorte bereits verputzt ist, gibt es heute als Gipfelsnack halt einen feinen Arven-Nüssli Salsiz.
 
 
Das Panorama ist heute schon am ersten Tag weltklasse, ob dies wohl noch getoppt werden kann? Muottas Muragl, Piz Padella, der Engadiner Mittagskogel und die Coazhütte, überall dort war ich schon, nur der Munt Pers versteckt sich in den Wolken. Aber auch hier bei den beiden Schwestern ziehen immer wieder Wolkenfetzen vorbei und es weht ein kühles Lüftchen, darum mach ich mich dann auch schon bald an die Abfahrt. Auf dieser ist wie erwartet (für mich) lange nicht alles fahrbar, aber dafür sind die fahrbaren Abschnitte umso besser und äusserst fotogen.
 
 
Die unzähligen Trockensteinmauern, welche hier als Lawinenverbauungen fungieren, faszinieren mich extrem. Wie schon andernorts bei solchen Bauten, stelle ich mir vor, wie mühsam deren Errichtung vor über 100 Jahren ohne technische Hilfsmittel gewesen sein musste. Als die ersten Steinmauern hier aufgeschichtet wurden, malte Giovanni Segantini gerade seine letzten Bilder und bis zum 2.Weltkrieg entstanden so insgesamt 12km Trockensteinmauern. Weil diese bei viel Schnee zu wenig wirksam waren, kamen ab 1950 moderne Verbauungen aus Stahl hinzu.
 
 
Ich komme zu der Hütte wo Giovanni Segantini einst sein berühmtes Alpentriptychon malte und hier ist mächtig was los. Die Italiener haben Sommerferien und im Gegensatz zu den eher zurückhaltenden helvetischen Rotsocken, sehen sie das Wandern nicht ganz so ernst und sind uns Bikern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich tu es den anderen Anwesenden gleich und lege mich mit Blick auf die soeben besuchten Schwestern in die Sonne, deutlich angenehmer als auf dem windigen Gipfel. Tiefenentspannt geht es anschliessend in den zweiten Teil der Abfahrt, welche mich runter ins Val Muragl führt.
 
 
Der Weg hinunter zur Ova da Muragl ist ganz nach meinem Geschmack, etwas knackigere Stellen wechseln sich ab mit akkurat verlegten Steinplatten. Die Plattenleger hier beherrschen ihr Handwerk, es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, in dem Geröllfeld solch ein feines Wegerl hinzulegen. Der nun folgende Höhenweg ist nicht ganz unproblematisch, er gehört zur Touri-Hauptverkehrsachse und wir Biker sind da nicht so gern gesehen. Ich wage es trotzdem und halte immer schon früh vor den Wanderern an, stehe artig zur Seite und komme so ohne ein einzig böses Wort durch.
 
 
Nach dem gemütlichen Panoramarollen auf dem Höhenweg, wird es nach dem Beizli am unteren Schafberg wieder interessanter. Ab durch die farbenfrohe Botanik, Spitzkeren en masse, irgendwie sind die untersten Tiefenmeter rund um Pontresina immer die besten. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Hotel und bis zum Tschliner Bier auf dem sonnenverwöhnten Balkon. Nach dem brutzeln des Bloggers in der Saune, brutzelt auch die Küche etwas Leckeres und Erald schaut mit seiner Crew, dass ich nicht auf dem Trockenen sitze. So müssen Ferien sein, da ist der bevorstehende Zügelstress zu Hause schnell vergessen und die Seele baumelt glücklich in der Engadiner Alpenluft.
 

2 Comments

  1. sel sagt:

    Die kargen Bilder sind wie immer eindrücklich. Segantini wusste, wo sich niederlassen…
    Und: Es lässt schmunzeln, dass auch du dem pittoresk platzierten Törtchen nicht lang widerstanden hast 🙂

    • Sven sagt:

      Ja, bei den nussig süssen Törtchen werde sogar ich als sonst eher dem Herzhaften zugeneigten Baconliebhaber schwach 😂 einen leckereren Energieriegel gibt es wohl kaum.

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