Engadiner Mittagskogel

10. Januar 2020
Highlights 2019
27. Dezember 2019
 
Die letzten Ferien der Saison 2019 stehen an und wie schon im Jahr zuvor, verspicht der September einmal mehr zum Wetterhighlight zu werden. Also schnell die Bikesachen im Auto verstaut und ab nach Pontresina. Bei der Anreise regnet es noch und der Himmel ist wolkenverhangen, dafür ist der Empfang im Hotel Rosatsch umso freundlicher. Ich bekomme eines der neu renovierten Zimmer und fühle mich gleich wie daheim. Im Dorf decke ich mich noch mit einer Ration an einheimischem Bier ein und dann geht es auch schon bald zum Abendessen. Auf die genialen Kreationen von Chef Dainius Spakauskas habe ich mich schon seit dem letztjährigen Aufenthalt gefreut und Davide kredenzt den passenden Wein dazu, so können die Ferien beginnen. Am nächsten Morgen empfängt mich wie versprochen strahlend blauer Himmel, ich schnappe mir das Bike und mache mich auf den Weg in Richtung Stazerwald. Vorerst muss ich mir die breiten Wege noch mit Joggern und eBikern teilen, aber sobald es steiler wird, bin ich wieder allein auf weitem Flur. Mit dem Bike am Rücken geht es auf dem schmalen Pfad durch den Wald aufwärts. Der Tipp zu der heutigen Tour hat mir eines der Bündner Wappentiere zugeflüstert, ich bin gespannt was mich erwarten wird und ob ich vielleicht sogar einen seiner Kollegen zu Gesicht bekomme. Hier oben auf 2200müM befinden sich die ältesten Arven der Schweiz. Da die Arvenstämme innen verfault sind, kann das Alter nicht wie üblich über die Jahrringe festgestellt werden. Aus dem Durchmesser von über 2 Meter und einem jährlichen Zuwachs von 1.4mm ergibt sich ein geschätztes Alter von etwa 1400 Jahren für diese prächtige Kandelaber-Arve. Eindrücklich, wenn man sich vorstellt, dass dieser Baum zu Beginn des Frühmittelalters keimte und die Zeit bis heute unbeschadet überstanden hat.
 
 
Der Weg ist auf beiden Seiten gesäumt von alten knorrigen Arven und Lärchen, voller Ehrfurcht fahre ich auf dem Nadelteppich durch diesen wunderbar duftenden Märchenwald. Von mir aus könnte es noch lange so weitergehen, aber beim nächsten Wegweiser ist vorerst Schluss mit Fahren und das Bike wandert abermals auf die Schultern. Schon bald darauf ist die Baumgrenze erreicht und gibt den Blick frei auf mein geliebtes Oberengadin.
 
 
Nach einem ersten verblockten Steilstück wird der Weg zwar wieder flacher, aber an Fahren ist trotzdem nicht zu denken, das Knackville bleibt wohl bis zum Gipfel am Rücken. Ist mir auch recht, so wandernd kann ich die Aussicht ohne störende Nebengeräusche viel besser geniessen. Tief unter mir liegt Champfer und gegenüber erblicke ich den rötlichen Gipfel des Piz Nair, wo sich das ganze Bähnlibikervolk tummelt. Ich hingegen bin hier ganz alleine unterwegs und bisher noch keiner Menschenseele begegnet.
 
 
Es wird wieder steiler und steiniger, im Zickzack führt der Pfad nach oben und die Vegetation wird immer spärlicher. Nach etwa der Hälfte komme ich zu einer Verzweigung, beide Wege würden auf einen Piz führen, aber für meinen favorisierten Gipfel halte ich mich links. Mal abgesehen von ein paar kleinen Steinfeldern ist der Weg stets gut als solcher erkennbar, das meiste wird abwärts fahrbar sein, die Vorfreude steigt an.
 
 
Schliesslich habe ich den Gipfel erreicht, obwohl ein richtiger Gipfel ist es nicht, eher ein hochalpines Plateau mit vielen losen Gesteinsbrocken. Bis zur magischen Grenze fehlen auch noch ein paar Meter, aber immerhin hat es ein stattliches Steinmannli mit Schweizerfahne. Dafür kann es das steinige Plateau in Sachen Panorama mit jedem anderen Gipfel aufnehmen, da braucht sich der Engadiner Mittagskogel definitiv nicht zu verstecken. Die ganze Seenplatte liegt mir zu Füssen, der Blick reicht von St. Moritz bis nach Maloja hinüber.
 
 
Direkt gegenüber erhebt sich der Piz Julier, oberhalb Celerina ist der Piz Padella erkennbar und hoch über dem Silsersee kann ich sogar den Gipfel ausmachen, wo ich letztes Jahr auf den Spuren der Vertriders unterwegs war. Es ist immer wieder schön, bereits befahrene Gipfel nochmals aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Das Panorama und die Steine laden förmlich zum Herumspielen ein, Selfietime, die Bedingen könnten nicht besser sein, tiefblauer Himmel und weiss glitzernde Gipfel ringsherum.
 
 
Ich kann mich kaum entscheiden wo ich hingucken soll, auf der einen Seite die in den verschiedensten Blautönen schimmernden Seen und auf der anderen Seite die imposante Berninagruppe. Weiss strahlend sind sie alle zum Greifen nah, der Piz Palü, die Bellavista, der Piz Morteratsch, der Piz Bernina mit seinem Biancograt und daneben der Piz Roseg mit der Schneekuppe. Bündner Wappentiere treffe ich hier trotz typischem Ibex-Gelände keine an, dafür ein junges Pärchen, welches wie ich das herrliche Panorama geniesst.
 
 
Genug in der Sonne gebadet und Panorama getankt, jetzt geht es an die Abfahrt. Vom Gipfel weg beginnt der Spass, auf dem groben Schotter rollt es sich super, darin habe ich ja genug Übung nach dem Wildstrubel. Wäre ich ein Speedflyer, müsste ich hier nur genug Anlauf nehmen, könnte mitsamt dem Bike abheben und dann unten auf dem Flugplatz landen. Aber dann würde ich ja den Rest der Abfahrt verpassen und das wäre schade. Den Flug hole ich lieber ein andermal mit Davide am Gleitschirm nach.
 
 
Auf den groben Schotter folgt eine Spielwiese aus Stein, bis auf ein paar Stellen ist alles fahrbar und der Spassfaktor extrem hoch. Mit Blick auf die Seenplatte und dem Hinterrad in der Luft, bekommt der Blogger das Grinsen kaum mehr aus dem Gesicht. Je weiter ich nach unten komme, desto besser ist der Weg im feinen Gestein ausgeformt und desto flotter wird auch das Tempo.
 
 
Zurück bei der Verzweigung überlege ich kurz den zweiten Piz auch noch anzuhängen, der Gedanke an den Liegestuhl im Hotel ist aber zu verlockend und ich brauche ja noch Ziele für den nächsten Aufenthalt. Also geht es weiter talwärts über unzähligen Spitzkehren dem alpinen Nobelkurort zu, ein Engiadina-Panoramatrail auf Sterneniveau.
 
 
Nach einer kurzen Entspannungsphase folgt noch das letzte verblockte Steilstück. Wie schon am Morgen ist es immer noch feucht, macht nichts, schliesslich wächst man an den Herausforderungen und im schlimmsten Fall habe ich ja noch die Topflappen an den Knien. Schliesslich stehe ich wieder unten im Wald beim Wegweiser wo die Zauberpilze spriessen. Das Bänkchen daneben kommt mir wie gerufen, noch eine letzte kurze Pause vor dem Finale.
 
 
Das Finale nach St. Moritz-Bad hinunter lässt die Bremsen nochmals glühen, in rasantem Tempo werden durch den Wald die letzten Höhenmeter vernichtet. Anschliessend rolle ich gemütlich durch den Stazerwald zurück nach Pontresina, wo schon das abendliche Wellness- und Gourmetprogramm auf mich wartet. Der Tourentipp von Herrn Ibex war ein Volltreffer und das Engadin zeigte sich einmal mehr von seiner schönsten Seite. Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, es ist hier wie im Paradies, seit meinem ersten Besuch vor 6 Jahren bin ich ganz vernarrt in die Gegend.
 

3 Comments

  1. ROTSCHER sagt:

    Das Hochtal der Seen ist schon eine Augenweide. Gut gibt es hier nicht nur den Shuttleberg … das spornt mich an, das Oberengadin wieder mal zu besuchen 🙂
    Danke für den tollen Tipp !

  2. IBEX73 sagt:

    Top Bilder ,Sven! Geniale Blicke auf einen Teil meiner geplanten Gipfel dort…schön das dieser ominöse Herr IBEX mal wieder für ein Highlight gesorgt hat und nicht nur für endlose Schiebe/Tragepassagen oder ins Wasser gefallene Fotis…haha! Von DEM hätte ich auch gerne mal einen solch tollen Tourentipp!

    • Sven sagt:

      Wenn Du ein paar von den Zauberpilzen naschst, dann begegnest vieleicht diesem ominösen Herr Ibex auch einmal. Ich habe gehört er treibt sich am liebsten in möglichst unzugänglichem Gelände herum 🤣

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