Hebdi fescht

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Die regelmässigen Leser des Blogs wissen ja, dass wir gelegentlich mit den Bikes am Rücken auf allen Vieren durch die Gegend kraxeln. Wenn das Gelände zu unwegsam wird, ist es schon mal nötig, sich mit beiden Händen am Fels oder den Seilen festzuhalten. Was für die einen ein Graus, ist für uns Vergnügen pur und je höher es hinausgeht, desto wohler fühlen wir uns. Leider ist die Hochtourensaison jeweils kurz und beschränkt sich auf ein paar wenige Wochen, wo die hochalpinen Ziele schneefrei sind. Was also mit der ganzen Zeit dazwischen tun, um nicht ganz aus der Übung zu kommen und die Kletterfähigkeiten etwas zu schulen? Indoor-Bikebergsteigen heisst der neueste Schrei, wo man auch durch den Winter ohne draussen zu frieren, seine Skills am Fels trainieren kann. Eine willkommene Abwechslung zu den winterlichen Trainingsrunden auf den Hometrails und die beste Vorbereitung auf die bevorstehenden Ticinodays, wo wir im Juni unsere Bikes wieder durch die raue Gegend am Lago di Maggiore schleppen werden.
 
 
Hebdi, das heisst so viel wie "halte dich" und so heisst auch die neue Boulderhalle, welche bei uns im Nachbarort eröffnet wurde. Bis dahin hatte ich mit Klettern rein gar nichts am Hut und hätte mir nicht vorstellen können, dass dies etwas für mich sein könnte. Ich wusste zwar von ein paar Kollegen, welche das Bouldern als Ausgleich neben dem Biken betreiben, bin selbst aber (mal abgesehen vom Mountainbiken) eher ein Sportmuffel. Der Winterblues schlug damals gerade so richtig zu, als ich Anfang Dezember durch die Presse erfuhr, dass in dem ehemaligen Gebäude der Ziegelhofbrauerei eine Boulderhalle eröffnet wurde. Warum nicht einmal etwas Neues ausprobieren, mein Interesse war geweckt und ich meldete mich zu einem Schnuppertraining an. Schon ein paar Tage darauf war es dann soweit und ich machte mich auf den Weg nach Liestal, gespannt was mich erwarten würde.
 
 
Vom ersten Moment an hatte es mich gepackt, das herumklettern an den Wänden macht unglaublich Spass und das Gefühl, wenn man eine neue Route geschafft hat, ist vergleichbar mit dem Triumph einer gemeisterten Schlüsselstelle beim Biken. Du stehst unten vor der Wand, betrachtest die farbigen Boulder, suchst dir eine mögliche Linie und startest den ersten Versuch. Es folgen weiter Versuche, verschiedene Griff- und Trittvariationen werden ausprobiert, einzelne Abschnitte mehrfach geübt und plötzlich hat man die Route geknackt. Wenn daraufhin jeder Griff sitzt und man die Route schön flüssig durchklettern kann, dann stellt sich ein flowähnlichen Zustand ein. Ich musste aber auch schnell merken, dass mein untrainierter Körper mit der (Über-)Motivation nicht ganz mithalten konnte. Schon nach der ersten Lektion hatte ich Muskelkater an Stellen, wo ich nicht einmal wusste, dass ich da Muskeln habe und die zarten Informatikerfingerchen waren übersät mit Blasen. Aber wie heisst es so schön, nur die Harten kommen in den Garten. Der Muskelkater wurde mit jedem Training weniger und für die geschundenen Finger gibt es ja Tape.
 
 
Bouldern hat ein extrem hohes Suchtpotential, aktuell bin ich zwei bis dreimal die Woche im Hebdi anzutreffen. Wenn ich einmal eine Route projektiert habe, lässt es mir keine Ruhe, bis ich sie komplett durchklettern kann. Die einzig limitierenden Faktoren sind dabei die schwindenden Kräfte und schmerzenden Finger. Da bleibt nichts anderes übrig, als es jeweils am nächsten Tag nochmals zu versuchen und plötzlich klappt es. Wie auch beim Biken ist der Aspekt Technik nicht zu unterschätzen. Darum besuche ich wöchentlich eine Kurslektion bei David, damit ich nicht komplett wie ein nasser Sack an der Wand hänge. Bei den unteren Schwierigkeitsgraden kann man sich mit genügend Kraftaufwand noch irgendwie durchwursteln, aber je anspruchsvoller die Route wird, desto wichtiger ist die richtige Klettertechnik, sonst "hebsch di nümm".
 
 
Neben dem eigentlichen Klettern sorgt aber auch die Halle mit ihrem ganz speziellen Flair dafür, dass es mich immer wieder ins Hebdi zieht. Durch den industriellen Touch und die Prise Musikclub-feeling fühlte ich mich gleich um 20 Jahre zurückversetzt, als wir uns in solchen Locations noch regelmässig die Nacht um die Ohren schlugen. Mit Ziegelhof-Bier bin ich quasi aufgewachsen und als die Liestaler Traditionsbrauerei an Heinecken verkauft wurde, sollte das altehrwürdige Gebäude einem weiteren seelenlosen Einkaufszentrum weichen. Zum Glück wurde daraus nichts und nachdem die Halle länger leer stand, hatten die beiden passionierten Kletterer Dominique und Chasper die geniale Idee, darin eine Boulderhalle zu eröffnen. Dank den vielen kleinen Details wird man allgegenwärtig an die Vergangenheit erinnert, als hier noch Baselbieter Gerstensaft abgefüllt wurde. An der Bar kann man nach dem Training den Gerstensaft dann auch gleich geniessen und was ganz wichtig ist, es läuft die ganze Zeit gute Musik. Die Betreiber sind etwa in meinem Alter und haben einen guten Musikgeschmack. Techno und den ganzen Hitparadenschrott sucht man vergebens und es hat sogar eine kleine Bühne, wo gelegentlich Konzerte stattfinden.
 
 
Momentan macht mir das Bouldern enorm Spass, ich hatte schon lange nicht mehr so viel Freude an etwas Neuem. In ein steriles Fitnesscenter würden mich keine zehn Pferde bringen, die immer gleichen Übungen langweilen schnell und das Klientel dort ist auch nicht so meine Welt. Hier im Hebdi ist das alles ganz anders, die unzähligen Boulderrouten bieten viel Abwechslung und die Leute sind total locker drauf. Hier muss keiner dem anderen etwas beweisen, es geht einfach nur darum Spass zu habe, man kommt schnell ins Gespräch und gibt sich gegenseitig Tipps. Schon bei meinem ersten Besuch traf ich auf zwei alte Schulkollegen, die ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte.
 
 
Nach der Arbeit setze ich mich im Sommer abends gerne noch für eine kurze Runde aufs Bike, um den Kopf etwas durchzulüften. In der dunkel-kalten Winterzeit fehlte dies leider bisher komplett und das Frustlevel war oft dementsprechend hoch. Jetzt gehe ich abends einfach in die Boulderhalle, klettere ein paar Routen und ich trete anschliessend mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Heimweg an. Bouldern ist die ideale Ausgleichsportart zum Mountainbiken, denn mit den Armen, der Rumpf- und Rückenmuskulatur werden dabei Körperregionen trainiert, die beim Biken eher zu kurz kommen.

DANKE an das ganze Hebdi-Team für das was ihr hier mit viel Herzblut auf die Beine gestellt habt und dafür, dass ihr uns tagtäglich diese tolle farbenfrohe Spielwiese zur Verfügung stellt. Solch ein Ort hat im oberen Baselbiet noch gefehlt und ist definitiv eine Bereicherung, sportlich wie kulturell. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg, macht weiter so.

Fazit: Man ist nie zu alt, um etwas Neues auszuprobieren !
 

6 Comments

  1. ROTSCHER sagt:

    Geile Bilder. Da werden ein paar Beobachter ganz schön grosse Augen gemacht haben 😲 … aber es ist wie in den Bergen, das Bike muss immer dabei sein.
    Genial, dass du eine tolle Abwechslung gefunden hast, die den Winterblues vergessen lässt.
    Aber denke daran, nach dem Bouldern heisst es, hebdi fescht amene Ziegelhof Bier 🍺 😂

  2. blackCoffee sagt:

    Cooler Post… Wie sind euer Rituale? Wer den HEBDI-Stein noch stemmen kann, darf sich auch an der Bügelflasche vergnügen?
    Spass beiseite, schön dass Du ein gutes Mittel gegen den Winterblues gefunden hast. Vermutlich kletterst Du bei der nächsten Schleppertour wie eine Gemse?..;-)

    • Sven sagt:

      Hehe, gute Idee, müsste ich mal vorschlage. Aber leider sind die Bügelflaschen Museumsstücke und das feine Zwickelbier gibt es schon lange nicht mehr 😢

      Kletterskills wie eine Gämse wären schon cool, dann käme ich vielleicht dem Herrn Ibex etwas besser nach 😄

  3. Wow coller blog.vielen dank sven.
    Sven ist übrigends unser erster “süchtiger” der zuvor bouldern nur vom namen her kannte.
    Wir alle freuen uns mit dir, dass es zustande kam das ” hebdi”.
    Gerne schenk ich dir ein bier aufs haus aus……

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