Alto Sopra Vallemaggia

15. Juli 2018
Monte Giove
8. Juli 2018
Bella Capanna
20. Juli 2018
 
Nach der gemütlichen Tour auf den Monte Giove, steht heute wieder ein eher experimentelles Vorhaben auf dem Plan, wo ich noch nicht genau weiss, was mich erwarten wird und wie viel fahrbar sein wird. Darum spare ich mir auch den langen kräftezerrenden Aufstieg und besteige die Gondel, welche direkt über der Terrasse meiner Ferienwohnung nach oben schwebt. Auf halber Höhe heisst es dann umsteigen auf dieses zweisitzige Freiluftgefährt, welches mich hinauf ins Tessiner Skigebiet bringt. Schnee hat es zum Glück keinen mehr, dafür empfängt mich Sonnenschein und ein wolkenloser Himmel, bestes Bergwetter.
 
 
Die meisten Biker starten hier in die Abfahrt, für mich beginnt aber erst der Aufstieg und somit der Start ins Abenteuer. Auf dem ersten Gipfel war ich bereits dreimal und kenne somit den Weg bestens, ich hänge das Bike an den PeakRider und marschiere los. Dabei komme ich mit einem Ehepaar ins Gespräch, welches das gleiche Ziel hat wie ich. Plaudernd vergeht die Zeit wie im Fluge und wir stehen schon bald auf dem Gipfel. Heute habe ich Glück, im Gegensatz zu den letzten drei Malen, versperren mir heute kein Wolken die Sicht. Endlich kann ich einmal dieses grandiose Panorama geniessen, es ist kaum in Worte zu fassen, aber seht selbst.
 
 
Auf dem Gipfel ist ein reges Komme und Gehen und auch ich mache mich schon bald wieder auf den Weg, da ich ja noch einiges vor habe für den weiteren Tagesverlauf. Zuerst werfe ich aber noch einen Blick auf den nächsten Gipfel, dieser steht gerade nebenan und ist zum Greifen nah. Die nun folgende Abfahrt ist immer wieder cool, über ein paar grosse Zickzack-Kehren führt der Weg durch den Hang zum Satteln hinunter, ein Trail wie mit dem Pinsel gezeichnet.
 
 
Hier bei dem Wegweiser stand ich schon öfters und wählte stets den Weg nach unten, diesmal nicht, heute geht es weiter aufwärts. Die Teleskopstange von PeakRider wieder ausgefahren, Bike eingehängt und los geht es in Richtung Gipfel Nr. 2. War dies vorhin auf den ersten Gipfel noch eine Bikewanderung, so darf man dies jetzt getrost als Bikebergsteigen bezeichnen. Der Weg den Grat hinauf ist steil und steinig, ich komme ganz schön ins Schwitzen und leg auf halber Höhe ein kleine Verschnaufpause ein. Eine gute Gelegenheit um ein Foto von Gipfel Nr.1 mit dem Pinselstrichtrail zu schiessen.
 
 
Schliesslich habe ich den Gipfel erreicht und habe auch diesen einmal mehr ganz für mich allein. Obwohl, ganz alleine bin ich doch nicht, es schwirren hier oben unzählige Wildbienchen herum. Die kleinen Tierchen sind zwar total friedlich, aber für mich als Allergiker doch nicht ganz unproblematisch. Ich muss schauen, dass ich keines von ihnen erdrücke, da sie sich einfach überall niederlassen. Meine verschwitzte Kleidung und der PeakRider scheinen es ihnen dabei besonders angetan zu haben.
 
 
Die anderen Berggänger tummeln sich weiter vorne auf dem Felskopf mit dem Kreuz und den tibetische Fähnchen, dieser ist noch ein paar Meter höher als der eigentliche Gipfel. Anstatt das Bike auch dort noch hinauf zu schleppen, mache ich aber lieber hier Rast und stärke mich für den weiteren Weg. Einfach herrlich, hier oben in der Sonne zu sitzen, während einem die Welt resp. das Tessin sprichwörtlich zu Füssen liegt.
 
 
Der Panoramaflash vom ersten Gipfel setzt sich hier fort, auf der einen Seite kann ich ins Valle Verzasca runter gucken und auf der anderen ins Valle Maggia mit seinen Seitentälern. Darüber all die bekannten und unbekannten Gipfel, viel Wald und immer wieder Lichtungen mit kleinen Siedlungen. Das Wetter könnte nicht besser sein, der Himmel ist wolkenlos und ich sehe fast unendlich weit bis zu den weiss verschneiten Alpen. Die Dufourspitze, Allalinhorn, Dom und Weissmies, Breithorn mit Monte Leone, Aletschhorn und Finsteraarhorn, ich kann sie alle von hier aus erkennen.
 
 
Um eine etwaige Panoramaüberdosis zu vermeiden, mach ich mich jetzt wieder langsam auf den Weg. Dass die nun folgende Querung etwas mühsam und zu grossen Teilen nicht fahrbar sein wird, darauf war ich vorbereitet. Es macht trotzdem Spass dem schmalen Pfad unterhalb des Bergrückens zu folgen und einzelne Abschnitte sind wider Erwarten fahrbar. Der Vorteil des Bikeschiebens, man muss sich nicht auf den Trail konzentrieren und kann die Aussicht geniessen.
 
 
Am Ende der Querung treffe ich auf diese zerfallen Alpe, hier sömmern wohl schon länger keine Tiere mehr. Über die darüber liegende Bocchetta könnte man ins Valle Verzasca abfahren, mit der Betonung auf könnte. David hatte dies schon einmal ausprobiert und mir davon abgeraten, er ist dabei mehr gelaufen als gefahren. Also versuche ich jetzt einmal die Variante ins Valle Maggia und bin gespannt, ob da mehr fahrbar sein wird.
 
 
Von hier aus schaut der weitere Weg durch den grasbewachsenen Hang ganz passabel aus. In Wirklichkeit ist aber auch hier an ein durchgehendes Fahren nicht zu denken, zu wenig Gefälle um ohne grossen Kraftaufwand über die Unebenheiten des schmalen Pfades hinweg zu rollen. Schon nach kurzer Zeit stinkt mir das dauernde Auf- und Absteigen und ich absolviere auch dieses Wegstück wandernd. Dabei kann ich schön den Blick über den bereits zurückgelegten Weg und die beiden bestiegenen Gipfel schweifen lassen.
 
 
Es gibt definitiv schlimmere Orte um sein Bike durch die Gegend zu schieben, dieser hier ist ganz nach meinem Geschmack, wild und einsam. Vorbei an kleinen Bächlein welche über die Felsen fliessen, geht es weiter nach vorne zur nächsten Alpe. Ich befinde mich hier immer noch auf über 1700müM und diese Alpe scheint zeitweise noch bewohnt zu werden, etwas unterhalb dieses verfallenen Stalles steht ein neueres Gebäude.
 
 
Die Abschnitte auf dem Bike werden jetzt wieder länger, es muss nur noch ein letzter Geländeeinschnitt durchquert werden, bevor der Weg fast in der Falllinie nach unten geht. Das unwegsame Steilstück ist aber zum Glück nur kurz und führt mich in den Wald, wo der Weg zu einem echt coolen Trail mutiert. Endlich wieder fahren, mein Bikerherz jubelt, war der Weg gerade noch (zu) anspruchsvoll, ist er jetzt für Tessiner Verhältnisse schon fast flowig. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht kurve ich durch den Wald und erreiche schliesslich diese schöne Siedlung hoch über dem Valle Maggia.
 
 
Ich tanke etwas frisches Wasser nach und weiter geht es im gleich Stiel durch den Wald, vorbei an einer Lichtung mit schönen Steinhäusern, um sogleich erneut in den Wald einzutauchen. Der Trail macht mächtig Spass, kein Wunder nach dem ganzen Geschiebe. Ich bin gerade so schön im Flow, als dieser abrupt gestoppt wird. Diese Kapelle steht hier wohl nicht grundlos, für den weiteren Weg nach unten kann etwas Schutz von oben nicht schaden.
 
 
Kurz hinter der Kapelle beginnt das Treppenstufenmassaker, über gefühlte tausende von Steinstufen geht es den felsigen Steilhang in eine Schlucht hinunter. Ein Teil davon ist für mich fahrbar, aber lange nicht alles. Trotz dem Schutz von oben möchte ich mein Glück nicht zu sehr herausfordern und steige lieber ab, ein Sturz hätte hier unschöne Folgen. Unten in der Schlucht führt eine wunderschöne Steinbrücke über den Bach, dessen kaltes Wasser hier über die glattgeschliffenen Felsen läuft. Ein lauschiges Plätzchen, traumhaft schön, dies denkt sich wohl auch die einheimische Familie, welche hierher von der Hitze im Tal geflohen ist.
 
 
Die Stufen, engen Kehren und sonstige für mich unfahrbaren Stellen ziehen sich weiter nach unten durch, ich verbringe kaum mehr Zeit im Sattel. So langsam macht sich die lange Tour bemerkbar und ich habe keine Lust mehr. Darum nehme ich dann auch nach der nächsten Alpe für die letzten Höhenmeter die Strasse ins Tal. Auf dem Veloweg geht es anschliessend zurück nach Locarno. Dem historischen Funicolare bin ich heute besonders dankbar, es bringt mich ohne Anstrengung hinauf nach Orselina, wo der Pool schon auf mich wartet. Währende dem planschen im kühlen Nass, schaue ich grinsend hoch zur vorübergleitenden Seilbahngondel, mit welcher heute Morgen das Abenteuer begann.

Fazit: Dies war wohl die Tour, auf welcher ich bisher am weitesten neben dem Bike gewandert bin. Sie hat mir deutlich aufgezeigt, wo meine Grenzen bezüglich Fahrtechnik liegen. Trotzdem war es aber ein wunderschöner Tag den ich genossen habe, das Panorama und die wunderbar einsame Bergwelt waren die Anstrengung allemal wert. Ein zweites Mal würde ich die Tour aber so nicht mehr unter die Räder nehmen, dann doch lieber als reine Wanderung.
 

6 Kommentare

  1. blackCoffee sagt:

    Schönes Abenteuer – die Gegend ist herrlich!

  2. ROTSCHER sagt:

    Wer nichts wagt, gewinnt nichts … heisst es doch so schön. Aber immer gewinnen geht auch nicht 😉
    Trotzdem ist so ein Tag ein Erlebnis, ein Abenteuer. Und mit dem richtigen Blick und der richtigen Einstellung unvergesslich schön.
    Toller Beitrag und wunderschöne Eindrücke.

  3. Aare sagt:

    Ich geniesse Deine Berichte, Text und Bilder wecken den Reflex die Gegend selber abzufahren.

    Entsprechend kann ich nicht nachvollziehen warum Du die Orte und Trails bewusst “verschleierst”.
    Das macht es dem Aussenstehenden schwer die konkreten Touren selber zu planen.
    Es geht ja nicht drum blind den GPX Tracks nachzufahren, aber die Namen der Gipfel und Passübergänge wären sehr hilfreich damit die Berichte für Ortsunkundige Sinn geben.
    Danke.

    • Sven sagt:

      Hallo Aare

      Das freut mich natürlich, wenn ich mit meinen Berichten Emotionen wecken und zum Besuch der schönen Bergwelt animieren kann 😊 Es ist schon etwas fies, das gebe ich dir recht, hier mit all den Bildern gluschtig zu machen und dann mit Informationen zu geizen 😀

      Solchen Touren geht meist eine umfangreiche Recherche voraus oder ich kriege Tipps von Bikekollegen. Da möchte man nicht unbedingt, dass die Touren zu stark frequentiert werden oder plötzlich in einem Hochglanzmagazin landen. Meiner Meinung nach gehört die Planungsphase unabdingbar auch zu solchen Bikebergsteigtouren, man setzt sich mit den topografischen Gegebenheiten auseinander und schätzt für einem persönlich ab, was machbar ist und was nicht. Ich möchte nicht schuld sein, wenn sich jemand überschätzt und etwas passiert. Auch darum veröffentliche ich von diesem “speziellen” Touren keine Tracks.

      Wenn man die Blogbeiträge hier genau liest, sollten aber mit einer Karte die meisten Touren nachvollziehbar sein … und sonst einfach fragen, ich beisse nicht 😉

      Liebe Grüsse & happy Trails
      Sven

      • Aare sagt:

        Ja eigene Recherche und Einschätzung ist unbedingt nötig, gehört zum “Vorspiel” und Teil der Vorfreude und entsprechend erwarte ich auch keine GPX.
        Aber es muss ja nicht gleich in eine Detektivaufgabe ausarten.
        Da machen es einem andere Blog’s etwas einfacher.
        Ich stellte mir nur die Frage, warum die Posts geschrieben werden, wenn der Trail geheim bleiben soll.
        Anyway, Dein Blog, Deine Regeln.
        Liebe Grüsse und weiterhin viele schöne Trailabenteuer
        Aare

        • Sven sagt:

          Hehe, cooler Vergleich 😎 im Winter das lange Vorspiel bei der Planung, der anstrengende Akt beim Aufstieg und der Höhepunkt auf dem Gipfel und in der Abfahrt 🤣

          Dieser Blog ist quasi mein Biketagebuch, welches ich gerne mit Familie, Freunden und Interessierten teile. Hier kann ich mit dem Biken und Fotografieren zwei meiner Liebsten Hobbies verbinden und wie es bei einem Tagebuch üblich ist, versuche ich das Erlebte in Worten festzuhalten, da sind Gipfelnamen nicht so wichtig 😉

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