Glück und Pech

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Nachdem Ändu am Mittwoch wieder abgereist ist, bin ich die letzten zwei Tage allein unterwegs. Die Wetterprognosen sind leider etwas durchzogen und für Donnerstag noch am besten, Gewitter sollten erst ab 17Uhr einsetzen. Ich möchte gerne nochmals eine kleine Abenteuertour unter die Räder nehmen und mache mich auf den Weg ins Vallemaggia. Da ich nicht vom Regen überrascht werden möchte, lasse ich den geplanten Passo aus und steige direkt auf. Der Fahrweg hat eine konstant steile Steigung und ist mir bestens bekannt, einmal in den zweitkleinsten Gang geschaltet werden die 800 Höhenmeter bis Cortone in einem Rutsch durchgezogen. Das schmucke Bergdorf hoch über dem Vallemaggia ist immer wieder ein Besuch wert und ich beneide die Familien gerade etwas, die hier oben ihre Ferien verbringen.
 
 
Im Hintergrund sieht man den Passo della Garina, welchen ich auf einem meiner ersten Tessintripps auch schon befahren habe. Heute geht es aber noch weiter hinauf, ich schwinge mein grünes Fröschchen auf die Schultern und nehme die nächsten 700 Höhenmeter in Angriff. Schon kurz darauf komme ich zu diesem rustikalen Weiler, welcher mich direkt in eine andere Zeit zurückversetzt.
 
 
Jetzt geht die Wanderung so richtig los, durch das Unterholz hindurch muss ich mir den Weg suchen, auf den ersten Metern ist dieser kaum mehr als solcher erkennbar. Danach wird es etwas besser und das ganze entwickelt sich zu einer Genusswanderung. In stetigem Auf und Ab umwandere ich den Pizzo auf einem wunderschönen Wanderweg und erreiche nach einem Weilchen diese Alpe.
 
 
Von hier aus kann ich schon die nächste Alpe sehen und auch etwas was mir leicht Sorge bereitet. Der Himmel zieht sich immer mehr zu und die Wolken werden dunkler, also lieber schnell weiter. Mit zügigen Schritten geht es voran und schon bald darauf spüre ich die ersten zaghaften Tropfen. Zum Glück bleibt es bei den paar Tröpfchen und ich erreiche trocken die nächste Alpe.
 
 
Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur letzten Alpe, welche den höchsten Punkt der heutigen Tour darstellt. Ich glaube schon dem Gewitter ein Schnäppchen geschlagen zu haben, da fallen erneut Tropfen vom Himmel. Im Gegensatz zu vorhin werden diese aber jetzt leider immer zahlreicher und grösser. Bis zur Alpe ist es nicht mehr weit und anstatt die Regenkleider aus dem Rucksack hervor zu kramen, eile ich im Laufschritt mit dem Bike auf dem Rücken weiter.
 
 
Glück gehabt, nur leicht nass erreiche ich die Alphütte und suche unter dem Vordach Schutz. Der Regen wird immer heftiger und plötzlich geht die Tür auf, ich solle doch hereinkommen. Das Angebot nehme ich gerne an, da das Vordach mittlerweile kaum mehr ausreichend Schutz gegen das Ungemach von oben bietet. Ich wusste gar nicht, dass auch dies eine Selbstversorgerhütte ist und nahm an vor einer normalen Alphütte zu stehen. Das nette Pärchen hat bereits Feuer gemacht um ihr Zelt zu trocknen und ich darf mich mit aufwärmen.
 
 
Die Welt ist doch klein, die beiden kommen auch aus der Region Basel und sind seit einer Woche im Tessin mit dem Rucksack und Zelt unterwegs. Der Regen wird immer heftiger und es kommt auch noch Hagel dazu, da habe ich wirklich Glück gehabt, jetzt möchte nicht mehr schutzlos da draussen unterwegs sein. Nach einer knappen Stunde ist der Spuk vorbei und ich verabschiede mich wieder von den beiden.
 
 
Die Hütte hier reiht sich ein in die Reihe der anderen schönen Selbstversorgerhütten, welche wir diese Woche schon besucht haben. Das Bike ist nach der Dusche von oben wieder befreit vom Staub der letzten Tage, im Gegensatz zum Fahrer müsste das Fröschchen nämlich draussen dem Gewitter trotzen. Die Sonne drückt schon wieder leicht durch, als ich mich an die Abfahrt mache. Nach den ersten paar Metern durch das nasse Gras geht es los mit der Spitzkehrenorgie im Wald. Der Trail ist spitze und auch im nassen Zustand einfacher zu fahren als von der Karte her erwartet, Glück gehabt, ich hatte schon befürchtet nach dem Regen einen Grossteil des Abstieges zu Fuss zurücklegen zu müssen.
 
 
Der Wanderweg führt oberhalb des Baches weiter talwärts und ich muss nur an einzelnen Stellen absteigen, weil mir die rutschigen Steine nicht ganz geheuer sind. Nach den ersten 1000 Tiefenmeter komme ich zu dieser Lichtung mit einer Ansammlung schöner Rustici. Das idyllische Plätzchen scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein, welches in rund eineinhalb Stunden vom Tal her zu Fuss erreichbar ist.
 
 
Hinter der Brücke geht der Weg im Wald weiter und ich nutze die guten Lichtverhältnisse für ein paar Selfies, hätte ich besser sein lassen. So mit Fahrer und den Rustici im Hintergrund käme sicher noch gut denke ich mir und befestige den Fotoapparat am Brückengeländer. Ich laufe zurück zum Bike, sitze auf und halte Ausschau nach dem Blinklicht des Selbstauslösers. Blinken tut da aber gar nichts und auch den Fotoapparat kann ich nirgends mehr erblicken. Shit, der Gorillapod hat versagt und nicht wie es ich für einen Gorilla gehört am Brückengeländer festgehalten. Der neue Fotoapparat liegt jetzt ein paar Meter tiefer und nimmt ein Bad im kalten Bergbach, so nah beieinander liegen Glück und Pech.
 
 
Der Fotoapparat ist wohl hinüber, aber die Fotos auf der Speicherkarte würde ich schon noch gerne retten. Da bleibt mir nichts Anderes übrig als die Schuhe auszuziehen und selbst ein Kneippbad im kalten Wasser zu nehmen. Ich könnte mich Ohrfeigen, aber das bringt jetzt auch nichts, also tief durchatmen und den Rest der Abfahrt geniessen. Diese fängt noch recht human an und entwickelt sich dann ganz ticinolike zu einer Trialübung, wo ich an etlichem Stellen kapitulieren muss. Ohne weitere Zwischenfälle erreiche ich das Auto im Tal und fahre zurück zur Ferienwohnung. Bei einem Bierchen im Pool ist der Ärger über den gewässerten Fotoapparat schnell vergessen, ist ja zum Glück nur Material das ersetzt werden kann.
 
 
Die Ticinodays waren einmal mehr genial, Trails gut, Wetter gut, alles gut. Besonders gefreut hat mich der Besuch meiner Kollegen, die Tage waren superkurzweilig und wir hatten jede Menge Spass. Natürlich sind wir noch mehr als die drei hier verbloggten Touren gefahren, davon wird es aber infolge mangelnder Fotos keine Berichte geben. Am Montag waren wir auf den Monte Gambarogno, ein Klassiker mit top Panorama und einer schönen langen Abfahrt. Ein Tag darauf schätzten wir die Schneelage wohl etwas zu optimistisch ein und mussten kurz vor dem Lago del Narèt auf 2100müM umkehren. Mittwochs war Pannentag und aus der geplanten Tour im Valle Cannobina wurde leider nichts. Am letzten Tag stattete ich dann noch Dunzio einen Besuch ab und trailte dem Ri da Riei entlang nach Verscio zurück. Leider gehen auch die schönsten Tage einmal zu Ende und ich musste wieder die Heimreise antreten, wo mich zwei Wochen Gluthitze im Büro erwarteten. Ich freue mich schon auf die Ticinodays 2020 und würde mich freuen, wenn der einte oder andere von Euch auch wieder dabei sein würde.

Nachtrag: Nach einer guten Woche Trocknungsphase funktioniert der Fotoapparat tatsächlich wieder, für das 22er Pancake-Objektiv hingegen sieht es nicht so gut aus. Das Wasser im Inneren ist zwar restlos verdunstet, aber es blieb ein trüber Schleier zurück. Da komme ich wohl um eine Neubeschaffung nicht herum.
 

6 Comments

  1. ROTSCHER sagt:

    Schöne Ticinobeiträge, danke für die Impressionen. Ich wäre gerne noch etwas länger geblieben, war wirklich cool. Aber das 2020 wird auch kommen … hoffentlich mit einem Besuch von mir 😉
    Super dass zumindest der Apparate es überlebt hat. Was hast du für einen? Habe das gar nicht gesehen. Und zufrieden?
    Übrigens super Selbstauslöserfotos. Vor allem jenes beim Spitzkehrentrail mit den Rustici gefällt mir sehr gut … und das von der Brücke wäre sicher auch super geworden 😭
    Bis zum nächsten Mal 🚴‍♂️

    • Sven sagt:

      Du bist eigentlich schon fest gesetzt für die Ticinodays 2020, einmal mitgegangen mitgefangen 😜

      Habe mir eine Canon EOS-M100 mit einem lichtstarken 22er Festbrennweiten-Objektiv geholt, dank der Pancake Bauform des Objektives passt sie gerade noch knapp in die Lowepro Rucksackriementasche und bin bisher sehr zufrieden damit.

  2. Erika Weissbaum sagt:

    Super Beitrag von deinen Ticino Ferien, danke. Toll geschrieben und super Fotos! Da kann ich nur sagen: Wer will denn in die Ferne schweifen wenn das Gute liegt so nah! ? Gruess und wieterhin viel Spass bim bike

    • Sven sagt:

      Hallo Erika, genau so ist es, wir haben hier in der Schweiz die besten Trails und eine so vielseitig schöne Landschaften vor der Haustür, da sehe auch ich keinen Grund in die Ferne zu schweifen 😎

  3. blackCoffee sagt:

    Super Sache, danke für‘s Teilen.
    Glück und Pech liegen manchmal nicht weit voneinander.
    So hab ich glücklicherweise auch fahrtechnisch profitiert (trotz Pech am ersten Tag).

  4. Michaque sagt:

    Ein schöner Beitrag, ich konte mich richtig hineinversetzen in die Gegend und in deine Situation mit dem Regen. Die Gegend ist ja ein Traum und dann noch mit den Hütten. Da würde man am liebsten selbst eine Hütte buchen. Weiter so und gute Fahrt! Liebe Grüße Michaque von http://www.mtb-moments.de

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