Una Valle Selvaggia

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Am Sonntag bekomme ich Besuch von David, darauf freue mich besonders, ist doch unsere letzte gemeinsame Tour schon ein Weilchen her. Ich hole Ihn mit meinem lärmenden Binfordmobil am Bahnhof in Locarno ab und wir fahren in ein Tal mit einem Fluss, wo wir das Auto abstellen und aufs Bike umsteigen. Zuerst fahren wir noch ein Stück weiter der Strasse entlang das Tal hinauf, bis wir zu dieser schönen Kirche im typischen Tessiner Stil kommen. Hier hinten im Tal sind kaum mehr Touristen unterwegs, diese tummeln sich alle bei den bekannten Badestellen weiter vorne.
 
 
Wir montieren wir unsere PeakRider und schwingen die Bikes schon einmal probehalber auf den Rücken. Gut dass wir zu zweit sind, so können wir uns gegenseitig behilflich sein beim finden der richtigen Halteposition, damit beim Absenken der Bikes der Cone-Strap auch den Teleskopstab trifft. Da braucht es mit dem PeakRider schon etwas mehr Übung als beim HookaBike, um das Einhängen ohne fremde Hilfe hinzukriegen. Gelegenheit zum üben werden wir heute jedoch noch mehr als genug haben. Zuerst ist aber noch ein Stückchen fahrbar, wir verlassen das Haupttal und biegen ab in ein wildes Seitental.
 
 
Schon bald ist fertig mit Fahren und auch Schieben wird zu mühsam, wir hängen unsere 301 an die PeakRider und schreiten weiter aufwärts in das Tal hinein. Die Wände auf beiden Seiten werden immer steiler, die Umgebung um uns herum wilder und am Talende stürzt ein wunderschön mehrstufiger Wasserfall in die Tiefe. Bei ihm überqueren wir den Bach und schauen nach oben, wir ahnen es, jetzt wird es richtig steil.
 
 
Bisher war es eine gemütliche Bikewanderung durch ein wunderbar unberührtes Tal, ein Genuss, aber jetzt fängt die harte Arbeit an. Die nächsten 500 Höhenmeter geht es steil nach oben und der Weg ist echt kräftezerrend. Langsam aber stetig schreiten wir voran, justieren hi und da bei einem kurzen Päuschen die PeakRider etwas nach und geniessen die wilde Bergwelt ringsherum. Nach knapp eineinhalb Stunden erreichen wir dieses Bijou von einer Alpe, der ist echt zu beneiden dieser Lorenzo.
 
 
Zeit für eine Pause, der Körper verlangt nach Treibstoff in Form eines Riegels und die Schultern nach einer Massage. Leider ist aber weit und breit keine Masseurinn in Sicht und beim Blick nach oben fragen wir uns, ob wir uns da wohl nicht doch etwas zu viel vorgenommen haben. Dort ganz hinauf möchten wir heute noch, das sind nochmals gut 700 Höhenmeter.
 
 
Umkehren ist aber irgendwie auch keine Option, jetzt haben wir die Bikes schon so weit raufgeschleppt, also weiter. Über die unbewirtschaftete Alpe folgt ein etwas flacheres Stück bevor es wieder steiler wird. Wir hängen unsere Bikes erneut an die PeakRider, mittlerweile klappt das schon ganz gut und nehmen die folgenden 150 Höhenmeter in Angriff. Nächstes Etappenziel Lago, dort hoch oben am Fusse der steilen Felswände liegt ein wunderschöner Bergsee verborgen.
 
 
Als wir den See erreichen sind wir erstaunt, so viele Leute hätten wir hier oben nicht erwartet, sind wir doch auf unserem bisherigen Weg keiner Menschenseele begegnet. Erstaunt sind aber auch die Wanderer, als plötzlich zwei solche Spinner mit Mountainbikes auf den Rücken auftauchen. Sie können nicht verstehen, dass wir noch weiter rauf wollen und auch wir haben langsam Mühe uns für die nächste 200-Höhenmeteretappe zu motivieren. Da müssen wir aber jetzt durch und weiter geht es über Stock und viel Stein zu der Hütte, welche dort oben über dem See auf einem Plateau steht.
 
 
Bei der schönen Selbstversorgerhütte aus Stein haben wir einen Grossteil des Aufstieges geschafft und gönne uns eine ausgiebige Pause, das mitgebrachte Picknick und ein kühles zuckerhaltiges Getränk aus der Hütte laden die Batterien wieder auf. Wir geniessen die Aussicht von diesem exklusiven Rastplatz und sind uns einig, hier oben fernab der Zivilisation und Lichtverschmutzung zu übernachten, das wäre sicher ein schönes Erlebnis.
 
 
Der Tag ist leider schon recht fortgeschritten, es ist schon halb vier Uhr und wir habe für den Aufstieg viel länger gebraucht als geplant. Ich habe die Tour konditionell und vor allem zeitlich total unterschätzt, die Aufstiege in dieser rauen Gegend hier verlangen einem einiges mehr ab als anderswo. Der Plan wäre eigentlich gewesen, noch 400 Höhenmeter weiter bis zur Bocchetta aufzusteigen und dann ins nächste Seitental abzufahren. Für den weiteren Aufstieg rechnen wir mit einer guten Stunde, in der Querung können wir noch Schneereste ausmachen und wissen auch nicht genau was uns in der Abfahrt erwarten wird. Die Vernunft siegt, schweren Herzens geben wir unserem Plan auf und entscheiden uns umzukehren. Das heisst, wieder auf der gleichen Route zurück und die Bikes wohl einen grossen Teile wieder runterschleppen. Leichter Frust macht sich bei uns bemerkbar und mir ist es nirgends recht, dass ich mich mit der Tour so verschätzt habe. Da reist David extra für eine gemeinsame Tour ins Tessin an und ich bringe sowas wo wir umkehren müssen, SORRY. Auf dem folgenden Abstieg sind dann tatsächlich nur einzelne Stellen fahrbar, zum Glück tröstet die schöne Landschaft etwas über die Enttäuschung hinweg.
 
 
Nach Lorenzos Alpe hat der Trailgott dann doch noch Erbarmen und es wird immer mehr fahrbar, dies hatten wir vom Aufstieg her gar nicht mehr so in Erinnerung. Die Mundwinkel zeigen jetzt wieder nach oben, auch wenn wir immer mal wieder absteigen müssen, der Tag ist gerettet und wir müssen die Bikes doch nicht die ganzen 1000 Höhenmeter hinuntertragen. So schnell kann sich die Stimmung ändern, die Enttäusch ist schon fast wieder vergessen und wir haben unseren Spass an dem anspruchsvollen Weg nach unten.
 
 
Auf der Strasse rollen wir anschliessend zurück zum Auto und finden dabei sogar noch ein kleines Stück Trailalternative. Am Bahnhof reicht es dann gerade noch für ein Tourabschlussbierchen, bevor David mit dem Zug wieder die Heimreise antritt. Ein anstrengender und abenteuerlicher Tag geht zu Ende, manchmal kommt es halt anders als geplant und man kann nicht immer nur gewinnen. Obwohl, eigentlich ist es ja schon ein Gewinn mit einem guten Kollegen den ganzen Tag in so einer traumhaft schönen Landschaft unterwegs sein zu dürfen und abends wieder heil zurückzukehren. Ich denke schon, dass ich (wir?) der Tour noch eine zweite Chance geben werde, dafür ist die Gegend dort oben einfach zu schön. Dann aber mit besserem Zeitmanagement oder vieleicht sogar als Zweitäger, mit einer Übernachtung in der schönen Selbstversorgerhütte.
 

7 Kommentare

  1. blackCoffee sagt:

    Das gehört halt auch dazu, wenn man die ausgefahrenen Wege verlässt….
    Für Abenteuer in der Komfortzone gibt es andere Hobbys..;-)

  2. ROTSCHER sagt:

    Das Übernachtungsplätzchen ist wirklich schön … aber ein Aufstieg vom Talgrund bis oben ist eine happige Ansage … da braucht es als Entschädigung schon einen einigermassen fahrbaren Trail auf der anderen Seite 😉 … was ich aber bezweifle.
    Die Gegend dort in den Tessiner Nordtäler ist einfach sehr rauh und verblockt … selvaggia eben. Viel Flow ist hier nicht zu haben, eher Abenteuer.
    Ich staune immer wieder, wieviel total abgelegene wunderschöne Alpen es im Tessin gibt. Gibt es auch soviel Aussteiger … so wie der Lorenzo?

    • Sven sagt:

      Ja, Flow war diese Ticinodays eher Mangelware, dafür umso mehr Abenteuer 😀

      Ich liebe es in dieser rauen Gegend unterwegs zu sein 😍 so ehrlich direkt, ungezähmt, wild und damit leider auch öfters nicht fahrbar -jedenfalls für mich- die Schuhsohlen sind nach dieser Woche hinüber 🤣 Inwiefern es da Sinn macht das Bike mitzuschleppen ist eine andere Frage, welche ich mir mehr als einmal stellte. Hier habe ich aber zwitschern gehört, dass sich der Aufstieg lohne 😉

      Keine Ahnung ob der Lorenzo ein Hippie ist 🍄 die meisten dieser schönen entlegenen Alpen waren aber unbewohnt und trotzdem sahen die Steinhäuser gepflegt aus. Zeitlich begrenzt für einen Sommer würde mich so ein Ausstieg schon einmal reizen, auf die Dauer möchte ich aber dann doch nicht auf die gewohnte Komfortzone verzichten.

  3. IBEX73 sagt:

    Der Kommentar von BlackCoffee sagt alles…für alle anderen gibts schliesslich genug RIDE-Gigertürchen!

    Zum Thema: Bewusstermassen habe ich dem Betreiber dieser Seite+meinem Lieblingsgast, diese Tour (sowie alle anderen Männertouren) angeraten,ob er aufgrund seiner EIGENEN Einschätzung diese FAHREN kann resp. will ,ist ihm selbst überlassen.Das Tessin ist nun mal kein Kinderspielplatz,wobei diese Tour in meinem Ansinnen nur so als “mittelschwer” anzusehen ist.
    Landschaftlich auf jeden Fall die drittschönste Tour im TI! Die ellenlange Abfahrt vom Gipfel entschädigt allemal für den Anstieg-ein wilder,feuchter Traum,für alle,die ihr Bike und ihren Körper im Griff haben (die gilt für alle Touren im TI abseits des Mainstreams!) Definitiv gibt es dort ein gutes Dutzend weitaus schwererer Projekte-Fahrtechnisch+Konditionell…..

    Wie ich den Sven kenne,hat er aber trotzdem etwas Freude vom Berg mitgebracht…wenngleich die 301 Gesellen etwas abgekämpft waren.Die Bilder sind auf jeden Fall Tiptop geworden+werden mir heute Nacht sicher einen feuchten Traum bescheren….4 Jahre ist das jetzt schon her……

    Die Traverse zum Sattel in dem Felsband überm See wäre wohl Schneefrei gewesen-soweit ersichtlich-wäre ein Versuch wert gewesen! Das nächste mal doch wieder mit dem Chef-IBEXGuide,
    odddrrr??

    Gruss an alle hier,ein Tessinkenner

    • Sven sagt:

      Na super, jetzt bin ich mit meinen Fotos schuld daran, wenn Frau Ibex heute Morgen die Bettlaken wechseln muss 😂

      Die mitgebrachte Bergfreude hält sogar bis heute an und bringt mich über die Durststrecken zwischen den Ferien 😎 Klar ist es erst immer etwas frustrierend, wenn man sich eingestehen muss, dass ein Vorhaben nicht wie geplant durchgezogen werden kann. Dies war auch meine erste Tour, welche ich so kurz vor der ersehnten Abfahrt abbrechen musste. Aber genau diese Touren sind es dann, welche einem speziell in Erinnerung bleiben, hier nur schon wegen der traumhaft schönen Landschaft.

      Diesmal waren es alles andere als herkömmliche Bikeferien, aber eine meiner schönsten. Dass ich als Flachlandziege in der Komfortzone des Capra-Ibex an meine Grenzen kommen würde, damit habe ich gerechnet. Man könnte es auch als Wanderferien in einer der schönsten Gegenden mit dem Bonus von ein paar coolen Abfahrten bezeichnen, MERCI für die tollen Tipps 👍

      Nach vier Jahren wäre es doch wieder einmal an der Zeit, Chef-Ibex Guiding ist gebucht für nächstes Jahr 😉

    • ROTSCHER sagt:

      Da würde sich der ROTSCHER für ein IBEX-Türli auch überreden lassen 😁 …

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