901 meets 301

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23. Oktober 2017
 
Noch einmal auf einen hohen Gipfel, den vielleicht letzten 3000er für diese Saison hatte ich bei Ibex-Tours gebucht. Am Donnerstagmorgen mache ich mich bei optimalen Wetterbedingungen auf ins Wallis, der Reiseveranstalter scheint da einen guten Draht zu Petrus zu haben. Natürlich bin ich an so einem Tag nicht alleine im Zug, Sardinenfeeling pur, die Zusteigenden nach Bern haben Pech, sie müssen auf den nächsten Zug warten. Um kurz nach 9 Uhr treffe ich in Sierre ein, wo ich schon erwartet werde. Der Chef-Ibex übernimmt heute persönlich die Reiseleitung. Wir hängen unsere Litevilles hinten an den gelben Reisebus und lassen uns von der flotten Chauffeuse ins Val d'Anniviers chauffieren. Dort steht die Standseilbahn für die nächsten 500 Höhemeter schon bereit, warum auch nicht, schliesslich habe ich einen Ruf als dekadenter Bähnlibiker zu verteidigen. Oben angekommen schwingen wir uns auf die Bikes und fahren ein Stück weit den breiten Höhenweg entlang, bis wir zu einem Abzweiger kommen. Hier sehen wir auch zum ersten Mal unser heutiges Ziel, ein von unten eher unscheinbarer Gipfel.
 
 
Jetzt geht es steil aufwärts und der Schweiss tropft schon bald herunter, die Sonne hat für diese Jahreszeit noch ganz schön Power und strahlt vom azurblauen Himmel. Der Weg wird langsam schmaler und führt über die mit Steinen versetzten goldgelben Wiesen weiter nach oben. Vor kurzem auf dem Höhenweg noch unter lauter Wandervolk, sind wir hier mutterseelenallein unterwegs und geniessen die Stille.
 
 
Der Weg ist mittlerweile nicht mehr wirklich fahrbar und die Litevilles werden für den nächsten Anstieg geschultert. Es folgt eine kleine Hochebene mit schönsten Gesteinsformationen um uns herum, absolut mein Ding diese abgeschiedene Gegend hier oben. Mein Reiseführer balanciert sein 901 elegant auf den Schultern und lässt es auch gerade dort, da kann ich mir noch das einte oder andere abgucken in Sachen Tragetechnik.
 
 
Nach einem weiteren kurzen Anstieg erblicken wir zum ersten Mal den kleinen See, welcher sich den Namen mit dem Gipfel teilt. Hier ist jetzt auch fertig mit gemütlichem Bikewandern, wir stehen am Fusse des Berges und es geht für die nächsten 350 Höhenmeter nur noch steil nach oben. Die Alpenziege vor mir schreitet in grossen Schritten voran und ich muss schauen, dass ich mit meine kurzen Beinchen hinterherkommen. Je höher wir kommen desto besser wird die Szenerie, der Blick auf den türkisfarbenen See mit dem Horn und den weissen Gipfeln dahinter ist super.
 
 
Schliesslich haben wir den Gipfel erreicht, platzieren unsere Bikes am höchsten Punkt und nehmen auf dem Panoramabänkchen Platz. Deluxe, so eine gemütliche Holzbank auf dem Gipfel, da könnte man sich dran gewöhnen. Beim Aufstieg eben gerade noch geschwitzt, weht hier oben eine steife Brise und wir sind froh unsere warmen Jacken dabei zu haben.
 
 
Wir holen unseren Proviant hervor und essen einen Happen vor dieser eindrucksvollen Bergkulisse, ein 360° Panorama der Sonderklasse. Ringsherum sind unzählige Zentralwalliser-Touren zu sehen, welche es für mich noch zu entdecken gilt, ich kenne diese Gegend bisher kaum. Den Augstbordpass, welchen ich kürzlich mit Rotscher befahren habe, kann ich von hier aus ebenfalls erblicken und sogar die Spitze des Tobleroneberges gückselt weit hinten noch hervor.
 
 
Mächtig thront das weisse Horn vor uns, daneben ein 4000er welcher auch schon von ein paar Verrückten mit dem Bike fahren wurde und unweit davon entfernt zwei weitere Hörner, von welchem das Üssere bei mir auch schon länger auf der Wunschliste steht. Weiter nach rechts schweift der Blick über den weissen Zahn und über die markanten roten Nadeln bis hin zum höchsten Gipfel der Alpen.
 
 
Auf der anderen Seite des Gipfels blicken wir auf eine fast schon surreale Mondlandschaft mit kleinen Seechen. Eine Wüste aus Stein und Geröll in den verschiedensten Braun- und Grautönen, ein recht starker Kontrast zu den weiss verschneiten Gipfeln auf der Gegenseite. Erst weiter unten wird es wieder grün, da wo sich die Nadelbäume langsam zu verfärben beginnen.
 
 
Jetzt ist aber fertig mit panorama-pläuschlen, wir greifen uns die Bikes und starten in die Abfahrt. Der Capra Ibex ist hier ganz in seinem Element und gibt die Linie vor, ich hinterher. Teilweise recht technisch, staune ich selbst, wieviel auch für mich fahrbar ist und ich muss nur an den paar gröbsten Stellen absteigen. Eine wahre Freude, hier vor dieser imposanten Kulisse mit dem Bike nach unten zu zirkeln, ich lasse einfach mal die Bilder sprechen.
 
 
Viel zu schnell sind wir schon wieder unten beim See, der erste Teil der Tour war schon mal mehr als gut, hüeru güet. Zurück geht es auf dem gleichen Weg wie wir hochgekommen sind, jetzt einfach mit einer grossen Portion Flow. Der Trail über die gelben Alpwiesen ist genial, wir halten uns an das kleine Bächlein und gelangen durch dieses schöne Tälchen wieder auf den Höhenweg zurück.
 
 
Hier unten hat uns der Altweibersommer wieder, die Sonne wärmt schön und wir radeln die Höhe haltend weiter. Nach ein paar Kilometern steigt der Weg langsam an und wird immer steiler. Neben uns ratzekahl zerhäckselte Alpenrosenfelder, da war jemand mit grobem Gerät am Werk, nachhaltige Alpwirtschaft sieht anders aus. Wir verlassen den ausgebauten Weg und nehmen einen auf der Singletrailmap rot gepunkteten Weg nach oben. Jetzt ist wieder schieben und tragen angesagt, aber auch abwärts wäre das Steinfeld wohl kaum befahrbar. Mein Reiseführer schreitet zügig voraus, mal auf Betriebstemperatur kann den kaum was stoppen, ich hingegen merke dass ich nicht mehr ganz so frisch bin. Eine kurze Pause und einen Riegel später, bin auch ich wieder genug fit für die letzten Meter bis zum Pass. Dort wird das kleine Grüne neben dem dicken Schwarzen parkiert und wir geniessen die Aussicht auf den See, bevor es nur noch runter geht.
 
 
Die Sonne steht schon recht tief, als wir uns in die finale Abfahrt stürzen. Uns stehen nun 2000 Höhenmeter feinste Trails bis ins Rhonetal bevor. Bis runter zum Stausee ist der Weg recht anspruchsvoll und teilweise stark verblockt, typisches Ibex-Terrain. Ich steige lieber bei den gröbsten Stellen ab, heil herunterkommen ist meine Devise. Auch hier weht wieder eine steife Brise, auf dem See herrscht Wellengang und uns bläst es zeitweise fast vom Bike.
 
 
Auf der anderen Seite der Staumauer halten wir kurz an und blicken in die Tiefe, weit unten im Tal können wir den Pfynwald erkennen, dort wird uns die Abfahrt hinführen. Und weiter geht’s, an dem Steingebäude vorbei fahren wir in das Tal und den Schatten rein. Der Trail ist hier jetzt schon wieder viel flüssiger zu fahren, aber trotzdem noch fordernd, es gilt immer wieder kleinere und grössere Hindernisse zu überwinden, so wie ich es mag.
 
 
So geht es auch weiter, der Trail windet sich durch die raue Gegend nach unten und wir haben unseren Spass dabei. Unterwegs machen wir mal schnell halt und stibitzen ein paar Blaubeeren, lecker süss die kleinen Dinger. Weiter unten kommen wir dann zu einer Verzweigung, links würde es fast quer zu den Höhenlinien dem Bach entlang nach unten gehen, sicher reizvoll, aber nicht mehr zu dieser doch schon fortgeschrittener Stunde. Wir halten uns recht und tauchen schon bald in den Wald ein. Jetzt wird der Trail so richtig flowig, wir lassen es über den weiche Waldboden fliegen und die Bremsen glühen. Ohne Pause vernichten wir die restlichen Höhenmeter, Spass ohne Ende, hier ein natürlicher Anlieger und dort ein kleiner Absatz, der Trail rockt. So hätten wir heute alle Spielarten einmal gehabt, vom hochalpinen Bergweg bis zum flowigen Waldtrail.
 
 
Unten im Tal angekommen, begeben wir uns zur Bhutanbrücke um den Illgraben zu überqueren. In diesem tiefen Graben kommt es mehrere Male pro Jahr zu gewaltigen Murgängen. Mit dem Illgraben überqueren wir zugleich auch die Sprachgrenze, den sogenannten Röstigraben. Also ein Graben im doppelten Sinn, im Gelände sowie in den Köpfen. Weiter in Richtung Sierre geht es auf einem schönen Waldtrail, welcher uns durch mehrere Geröllhalden führt, hier scheinen immer mal wieder Steine runter zu kommen. Ein schöner Abschluss, so gemütlich in die Abendsonne hinein zu fahren. Mit insgesamt 3000 Tiefenmetern ein optimales 1:2 Verhältnis von Up- und Downhill, ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit macht sich breit, nachdem was wir heute alles erlebt haben.

Anstatt nach Sierre hinein zufahren, biegt mein Reiseführer aber ab nach Salgesch, ich bin noch in der Firmenresidenz zu Nachtessen eingeladen. Frau Ibex hat für uns leckere Pasta gekocht, das ist mal ein Service. Wir lassen es uns schmecken und können endlich die müden Beine ausstrecken. Die Zeit verrinnt wie im Fluge, mittlerweile ist es dunkel geworden und wir könnten noch lange Plaudern, aber ich muss mich langsam auf den Heimweg machen, wenn ich nicht irgendwo auf einem Bahnhof stranden möchte. Zu den Klängen von Marillions Fugazi fahre ich wieder zurück in die Üsserschwiiz, wo ich um kurz vor Mitternacht zu Hause ankommen.

Es hat mich gefreut dich einmal auf einer Tour persönlich kennen zu lernen Thomas, war ein echt cooler Tag mit dir zusammen auf dem Bike. MERCI, auch an die Chefin für das feine Nachtessen, ich hoffe ich kann mich einmal revanchieren.
 

5 Kommentare

  1. Ventoux sagt:

    Hmm noch so eine herrliche Tour auf ein unbekanntes Horn. Die Bilder kommen in Deinem Blog einfach wunderschön zur Geltung. Als wandelnde Landkarte und meiner Leidenschaft zum Rekognoszieren habe ich natürlich Eure gesamte Route bereits nachverfolgt 😉

  2. spectres sagt:

    Sali Sven

    Ist ein schöner Gipfel, den Du gemacht hast, Zudem bietet er einige Möglichkeiten für ’ne Abfahrt. Drei habe ich schon gemacht. Die von Dir kenne ich von anderen Touren.

    Vielleicht treffen wir uns ja mal im Wallis…

    Happy trails
    bernhard

    • Sven sagt:

      Hoi Bernhard

      Ja, dieser Gipfel(tag) war superschön und es bieten sich dort noch einige Kombinationsmöglichkeiten an. Würd mich freuen einmal zusammen eine Tour zu fahren, kannst dich gerne bei mir melden oder ich schreib dich bei Gelegenheit mal spontan an. Wenn nicht mehr diese Saison, dann halt nächstes Jahr 😉

      Liebe Grüsse
      Sven

  3. ROTSCHER sagt:

    Der Gipfel ist gebucht 😁 Mit der Abfahrt ins Tal kann ich mich auch anfreunden, habe diesen Downhill schon lange nicht mehr gefahren.
    Die nächste Saison wird kommen 👍 Danke für die tollen Eindrücke … und eine Gipfelbank, nicht schlecht.

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