Auf unberührten Pfaden

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Für den Anfang der Geschichte müssen wir die Zeit etwas zurückdrehen, es ist Ende Juli und ich treffe im Zug ins Wallis per Zufall auf Bernhard, welchen ich schon länger virtuell von meinem Blog hier kenne. Er hat zwei Wochen Ferien und ist auf dem Weg in seine alte Heimat, das passt wunderbar, da ergibt sich sicher endlich die Gelegenheit für eine gemeinsame Tour. Eine Woche darauf steht der Termin und ein Ziel ist auch schnell gefunden. Bernhard hat da noch eine experimentelle Tour zu einem Gipfel in petto, wo nach unserem Wissen wohl noch keiner mit dem Bike oben war. Wir treffen uns unten im Rhonetal und nehmen erst einmal die motorisierte Aufstiegshilfe in Anspruch, so können wir mit vollen Akkus auf über 2000müM in das Abenteuer starten. Nach ein paar Pedalumdrehungen gehen wir auch schon zum Schieben über, erst noch auf bekannten Pfaden, aber schon bald verlassen wir diese. Auf der Schattenseite geht es durch die grobschotterige Bergflanke nach hinten und wir erblicken zum ersten Mal unser heutiges Ziel des Tages.
 
 
Die Sonnenstrahlen kommen hier nur selten hin, dementsprechend hat es auch um diese Jahreszeit noch Schnee am Wegrand. Viel Schnee hat es auch noch in der folgenden Rinne, zu viel um sicher hinüberzukommen. Das Schneefeld ist zwar nicht breit, aber extrem steil und rutschig. Einmal ausgerutscht gebe es kein Halten mehr bis ganz unten, dies wollen wir nicht riskieren. So schnell geben wir aber nicht auf und kraxeln ein stückweit den schotterigen Steilhang hinunter, um die Rinne unterhalb des Schneefeldes zu überqueren.
 
 
Die Bikes könne wir gleich am Hookabike eingehängt lassen, nach der Hangkraxelei folgt ein Steinfeld welches es zu überwinden gilt. Die Brocken sind gross und zahlreich, wir müssen genau hinschauen wo wir hintreten und sind froh das entsprechende Schuhwerk dabei zu haben. Von Natur aus mit dem richtigen Schuhwerk ausgestattet ist die Gamsfamilie mit ihren niedlichen Jungen, auf welche wir hier in dieser menschenleeren Gegend treffen.
 
 
Auf der kleinen Anhöhe beim Steinmannli blicken wir in Richtung Gipfel und fragen uns, ob da überhaupt noch etwas fahrbar sein wird. Von hier aus ist dies schwer einschätzbar, aber es sieht nicht unbedingt danach aus. Darum entscheiden wir uns die Bikes hier zu deponieren und den Gipfel vorerst einmal auf Schusters Rappen zu erkunden.
 
 
Wie man sich so täuschen kann, am Ende des riesigen Steinfeldes könnten wir uns in den Allerwertesten beissen, aus der Nähe entpuppen sich die Steine und Felsen als grosser Bikespielgarten. Auch der Grat hinauf zum Gipfel stellt sich bei genauerem Hinschauen als durchwegs fahrbar heraus, tja solche Erfahrungen gehören eben auch zu einer Explorertour dazu. Dafür entschädigt die Aussicht, die zwei verschiedenfarbigen Seechen geben ein traumhaft schönes Bild ab inmitten der steinernen Pastelltöne.
 
 
Nach einer knappen Stunde Fussmarsch haben wir das Kreuz auf dem Gipfel erreicht, da erfüllt die olle Gamelle mal einen sinnvollen Zweck und hält das Gipfelbuch trocken. Auch ohne Bikes löst der Gipfel bei uns Glücksgefühle aus, die Rundumsicht ist fantastisch und wir sind uns einig, dass wir sicher nochmals mit den Bikes hier hinaufkommen werden. Im Sommer wird der Gipfel eher selten begangen, im Winter ist er aber unter Skitourengängern kein Unbekannter.
 
 
Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf und so machen wir uns nach einer kurzen Pause wieder an den Abstieg. Bergauf bin ja auch ich gerne als Wanderer unterwegs, aber abwärts macht es mit dem Bike definitiv mehr Spass. Von oben blicken wir auf den Grat und den Steinpielgarten hinunter, jetzt wurmt es uns schon ein bisschen, dass wir unsere 301 weiter vorne im ockerfarbene Steinfeld alleine zurückgelassen haben.
 
 
Zur linken Seite thront über dem Gletscher ein Gipfel, auf welchem ich ein paar Tage zuvor in charmanter Begleitung auch schon war. Beim Steinmannli schnappen wir uns die Bikes wieder und treten den Rückweg an, gefahren sind wir bisher heute kaum etwas. Es gilt erneut die Rinne unterhalb des Schneefeldes zu durchkraxeln und dann könne wir uns endlich in den Sattel schwingen, jetzt beginnt der Fahrspass.
 
 
Als Local kennt Bernhard die Gegend hier wie seine Westentasche und überrascht mit einem steil genialen Secrettrail in das Tobel hinunter, hüeru güet. Da kein direkter Weg aus dem Tobel hinausführt, müssen wir die Bikes auf der anderen Seite wieder ein stückweit hochschieben, bevor wir es zurück ins Rhonetal rollen lassen können. Ein erlebnisreicher Bergtag war dies heute, wir sind da beide aus dem gleichen Holz geschnitzt und hatten unseren Spass dabei, auch wenn nicht ganz alles wie geplant verlief. Ich freue mich schon auf die nächste gemeinsame Explorertour, MERCI fürs guiden, war ein echt toller Tag heute.

Gegen Ende der Saison juckte es mich dann in den Fingern, ich wollte unbedingt nochmals einen zweiten Versuch starten, bevor der Schnee die Trails wieder unter sich begräbt. Bernhard hatte leider keine Zeit und so zog ich halt alleine los. Den Weg kenne ich ja mittlerweile, mit der Bahn hoch und rein in den Aufstieg. Heute ist es morgens deutlich kühler, richtig frisch und auf den Steinen hat es im schattseitigen Hang noch Bodenfrost, was die Sache etwas rutschig macht.
 
 
Die Gegend präsentiert sich mir heute in einem total anderen Farbenkleid, das Grasgrün hat sich zu Gelbbraun gewandelt und die weissen Schneeflecken sind weniger geworden, so kann sich der Charakter einer Tour mit den Jahreszeiten ändern. Auch das zweite türkisblaue Seechen ist leider verschwunden, es hat sich während dem Rekordsommer buchstäblich in Luft aufgelöst.
 
 
Weit ist es jetzt nicht mehr bis zum Gipfelkreuz, nur noch den steilen Grat hinauf und ich bin am Ziel. Heute darf endlich auch mein grünes Fröschchen die herrliche Aussicht vom Gipfel geniessen. Wahrscheinlich als erstes Bike hier oben und gleichzeitig das letzte Mal auf über 3000müM für die nächsten Monate, Bike und Fahrer strahlen in der Sonne um die Wette.
 
 
Dies ist wieder einmal einer dieser magisch unbeschreiblich schönen Momente, wie man sie nur in den Bergen erlebt. Ganz alleine auf einem hohen Gipfel inmitten dieser wunderbaren Hochgebirgslandschaft, ein Gefühl von grenzenloser Freiheit und Glück. Heute weht kein Lüftchen und es ist auf über 3000müM erstaunlich warm für diese Jahreszeit, fehlt eigentlich nur noch eine weiche Unterlage für das Gipfelnickerchen.
 
 
Im Gegensatz zu letztem Mal ist der Himmel heute fast wolkenlos und der Blick reicht unendlich weit. Ringsherum imposante Hörner und Einblick in Täler, von welchen ich das einte besonders gut kenne, da ich dort über Jahre die Skiferien mit den Eltern verbrachte. Während ich so dasitze, frage ich mich, ob jetzt wohl die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssen, da es doch mehr als 54 möglichen Ziele über 3000müM in den Alpen gibt, welche mit dem Mountainbike erreichbar sind *g*
 
 
Die Zeit verrinnt und so langsam bin ich im Clinch, am liebsten würde ich noch lange hier oben in der Sonne sitzen bleiben, aber die Abfahrt ist eben auch extrem verlockend. Irgendwann gewinnt die Abfahrt den inneren Kampf und ich mache mein Fröschchen bereit für den Ritt nach unten. Luft ablassen, Sattel runter, den Rucksack festgezurrt, Helm auf und los geht der Spass, ich lasse einfach mal die Bilder sprechen …
 
 
Die Abfahrt ist genial, zuerst der steile Gipfelhang, anschliessend über den Grat nach vorne surfen und jede Menge glattgeschliffene Stein und Felsen zum Spielen, es hat von Allem etwas dabei. Wie wir schon bei unserer Rekotour vermutet hatten, ist vom Gipfel weg alles fahrbar, auch wenn auf der Karte nicht einmal ein Weg eingezeichnet ist. Erst beim grossen Steinfeld werde ich wieder ausgebremst, hier ist der hochalpine Ritt vorerst zu Ende.
 
 
Noch ein letzter Blick zurück zu #55>3k und ich schwinge das Bike wieder auf die Schultern, um den Rückweg über das Steinfeld anzutreten. Für den anschliessenden Weg hinunter ins Rhonetal möchte ich diesmal eine andere Variante ausprobieren. Diese führt mich mitten durch den Walliser Indian-Summer, ein regelrechter Farbenflash im Gegensatz zu den Pastelltönen im höheren Gefilde, visuell ist der Herbst doch einfach die schönste Jahreszeit.
 
 
Mit einem Bierchen und leckeren Gemüsechips bewaffnet, trete ich im Zug die Heimreise an. Der heutige Tag war wieder einmal ein Volltreffer und ein würdiger Abschluss der hohen Gipfel oberhalb der magischen Grenze. Die Touren abseits der ausgetretenen und vielbefahrenen Pfade sind doch immer noch die schönsten, das letzte bisschen Abenteuer in unserem durchorganisierten Alltag und dichtbesiedelten Lande, der Stoff aus dem Bikerträume sind.
 

10 Kommentare

  1. ROTSCHER sagt:

    Sauber, es darf auch mal ein Gipfel ohne offiziellen Wanderweg sein … von wo die Hochglanzjournalisten nur träumen können 🙂
    In dieser Gegend wimmelt es von Gipfeln. Da gibt es sicher noch den einen oder anderen der mit Bike machbar sein könnte … aber viele sind auch sehr felsig, dafür traumhaft im Anblick.
    Schön dass du den Herbst nochmals für die Befahrung nutzen konntest. Ich habe dieses Jahr leider die schönste Jahreszeit im Wallis verpasst. Aber nächstes Jahr ist auch wieder ein Jahr 😉 Wünsche eine gute Winterzeit!

    • Sven sagt:

      Jup, Glück gehabt und die letzte Gelegenheit noch genutzt, eine Woche darauf dominierte auf dieser Höhe schon die Farbe Weiss. Auch Dir eine schöne Winterzeit, da bleibt dann wieder genug Zeit um neue Abenteuer zu planen 😉

  2. IBEX73 sagt:

    Hoi mein Lieblingsgast….genau diese Touren sind es,von denen wir gesprochen haben-Respekt vor eurer Explorerleistung! Ein würdiger ü3 Abschluss.

    P.S: Lass doch dem Trail-Thomi seine Freude….hahaha

  3. blackCoffee sagt:

    Touren abseits der ausgetretenen Pfade sind genau mein Ding. Falls du dich nochmals Heimweh nach dieser Gegend hast gib mir einen Wink 😉

  4. spectres sagt:

    Salü Sven

    Danke für den schönen Bericht. Es war eine eindrückliche Explorertour – besonders die auch nicht so simple Umgehung der gefährlichen Schneerinne, wo sich der Hookabike bestens bewährt hat. Auch wenn ich selber an der zweiten Runde nicht teilnehmen konnte – sniff -, freut es mich, dass Du den Gipfel definitiv machen konntest. Ich werde ihn nächstes Jahr nachholen. Vor allem der oberste Teil ist wirklich abwechslungsreich zu fahren.
    #55>3k: Der ist gut. wobei ich denke, die Zahl dürfte noch einiges höher sein, wenn ich nur schon an den mir bekannten Kreis von Alpinbikenden denke.
    Zu den Pfaden abseits: Karten – und seien sie noch so gut – sind immer eine Auswahl und geben auch entsprechende Gewichtungen zum jeweiligen Herausgabejahr. Wo also auf der Karte kein Weg ist, findet sich vielleicht in der Realität einer. Das ist genau bei der oben beschriebenen Tour so. Und zum Glück ist das in etlichen anderen Fällen ebenso.
    Ja, Sven, es kann wieder geplant resp. das eine oder andere noch vertiefter recherchiert werden.

    Trailgruss, bernhard

    • Sven sagt:

      Hoi Bernhard, schade konntest Du nicht dabei sein 😢 wäre cool gewesen, auch den zweiten Versuch zusammen in Angriff zu nehmen und gemeinsam auf dem Gipfel zu stehen. Genau, nach der Saison ist vor der Saison 😀 über den Winter werde auch ich mich wieder hinter die Karten setzen, der Tourenvorrat ist über diesen Sommer ganz schön geschrumpft.

    • michi220573 sagt:

      Sali Bernhard, in der Gegend dort durfte ich leider auch schon mit dem Gegenteil Bekanntschaft machen. Damals hatte es in der offiziellen Topokarte des Schweizerischen Topografischen Bundesamtes einen Trail, der in echt nicht vorhanden war. Das waren dann ca. 45 min zu Fuss quer durch eine Kuhweide mit Kuhherde, immer stur der Linie auf dem Garmin hinterher. Ich kenne auch eine Luftseilbahn mit 120-Personen-Gondel, die in dieser Karte aktuell erst ab einem gewissen Massstab auftaucht. Da ist es immer hilfreich, einen Local befragen zu können oder noch besser ihn dabei zu haben ;o)

      Nur noch 9 Monate …

      • spectres sagt:

        Hi Michi
        Das ist dann leider die weniger schöne Version (kenne ich auch, allerdings nur einmal erlebt).
        Für mich sind’s zum Glück einige Monate weniger Wartezeit als für Dich. Und je nach der Zufälligkeit der klimaveränderten Auswirkungen, sind es gar nur einige wenige Monate bis einiges schon machbar ist. Die >3k erfordern aber immer noch etwas mehr Geduld.
        Ciao, bernhard

  5. Hans sagt:

    Ganz cool, wie du immer wieder Gipfel findest, die wohl noch nie Biker gesehen haben.
    Und für dich das normalste der Welt, dein Bike auf eben diese Gipfel zu schultern.
    Schöne Homepage, hast Du sie neu gestaltet?

    • Sven sagt:

      Jein, der Blog kommt mittlerweile schon zwei Jahre im neuen Gewand daher 😉

      Das Bike zu schultern ist bei mir tatsächlich schon fast Alltag geworden, aber unbefahrene Gipfel gibt es wohl nur noch sehr wenige. Immer mehr Biker bewegen sich in diesen Höhen und es wird auch lange nicht über alle Befahrungen im Internet berichtet.

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