Col de Torrent

30. April 2019
Sternstunde
14. April 2019
Dans les Vosges
5. Juni 2019
 
Nach der gestrigen Sternstunde braucht es heute Morgen etwas mehr Selbstmotivation, da die geplante Ride-Tour dieser wohl in keinster Weise das Wasser reichen kann. Ich muss dabei gerade an Falco denken als er erfuhr, dass er mit "Rock Me Amadeus" in Amerika auf Platz 1 gelandet ist. Anstatt sich darüber zu freuen war er betrübt, weil er befürchtete, dass er dies nie mehr toppen kann. Ganz so schlimm ist es bei mir zum Glück nicht und die leicht gedrückte Stimmung weicht schnell der guten Laune als ich in Les Haudères den Aufstieg beginne. Die frisch gemähten Bergwiesen duften wunderbar und die Sommersonne lässt den Schweiss schon bald aufs Oberrohr tropfen während ich durch die kleinen Weiler stetig an Höhe gewinne. Die Szenerie ist wie aus dem Bilderbuch, einmal mehr die (vermeintlich) heile Schweiz wie ich sie so liebe.
 
 
Von der Aufstiegsroute aus habe ich einen super Blick auf die andere Talseite und auf die Gipfel der beiden letzten Tage. Über dem Dach der Alphütte erhebt sich die Pic mit Blick auf den Dix vom ersten Tag und unweit davon entfernt stechen einem die roten Nadeln ins Auge. Der Gipfel davor war gestern meine persönliche Sternstunde der Saison und hat einen tiefbleibenden Eindruck hinterlassen.
 
 
Nach den ersten 1000 Höhenmeter komme ich oberhalb der Alp Beplan zu einem kleinen Seechen und kurz darauf ist dann auch schon fertig mit Fahren. Weit oben kann ich den Col de Torrent erkennen und schwinge das Bike einmal mehr auf die Schultern. Die restliche Strecke bis zu dem alten Saumpass muss zu Fuss bewältigt werden, daran hat sich seit der Säumerzeit nichts geändert, nur dass heute ich die Rolle des Maultieres übernehme.
 
 
Oben auf dem Col de Torrent steht ein grosses Kreuz und mit dem Erreichen das Passes eröffnet sich mir der Blick ins Val de Moiry mit dem gleichnamigen Stausee. Nach dem langen Aufstieg habe ich mir die Pause verdient und lasse den Blick in die Ferne schweifen. Über dem Stausee erhebt sich die Garde de Bordon, welche das Val d’Anniviers ins Val de Moiry und Val de Zinal aufsplitet. Darüber thront allgegenwärtig das weiss beflankte Bishorn mit seinem grossen Bruder dem Weisshorn.
 
 
Die Abfahrt hinunter zum Lac des Autannes verspricht viel Flow und die mühsam erarbeiteten Höhenmeter werden im Nu wieder vernichtet. Weiter geht es zur Alpage de Torrent, von wo aus ich einen Blick auf den Glacier de Moiry mit der Dent Blanche dahinter werfen kann. Von dem Trail auf der Gletschermoräne habe ich kürzlich auf Instagram ein schönes Bild gesehen, da möchte ich unbedingt einmal hin mit dem Bike.
 
 
Ganz hinunter bis zum türkisblauen Stausee fahre ich nicht, bei der Alpage de Torrent halte ich mich links und folge der Alpstrasse welche mich hinauf zur Basset de Lona führt. Von hier aus Blicke ich auf die vielgerühmte Hochebene von Lona mit ihren unzähligen Seechen und bin etwas enttäuscht. Die Ebene ist von breiten Wirtschaftswegen durchzogen, da habe ich andernorts schon viel schönere naturbelassenere Hochebenen gesehen.
 
 
Nach einem kurzen Trailstück geht es auf dem breiten Weg in die Ebene hinunter und auf der anderen Seite am Lac de Lona vorbei wieder hinauf. Auch der Pas de Lona ist ein alter Saumpass welcher in Bikerkreisen vor allem vom Grand-Raid Rennen her bekannt ist, welches von Verbier nach Grimentz hierdurch führt. Beim Blick gegen Norden sticht mir die von markanten Felstürmen gekrönte Becs de Bosson ins Auge, der dahinterliegende Col du Louché steht auch schon lange auf meiner Wunschliste.
 
 
Jetzt beginnt der beste Teil des Tages, nach der flowigen Abfahrt vom Col de Torrent wird es endlich etwas technischer. Steine und Fels prägen hier das Landschaftsbild, so gefällt es mir. Mit den Bikern welche mir entgegenkommen habe ich fast etwas Mitleid. Während ich die Abfahrt in vollen Zügen geniesse, schieben sie die Bikes mühsam hoch, um danach auf einem breiten Weg wieder hinunterzufahren. Tja, die Strecken solcher Grossveranstaltungen machen aus der Perspektive von uns Trailjunkies halt nicht immer unbedingt Sinn.
 
 
Weiter unten komme ich zur Alp L'A Vieille, einem Paradebeispiel für sanften Tourismus. Die Milch der Kühe wird vor Ort verarbeitet und die Produkte gleich im Bergbeizli in Form von Speisen und zum Verkauf angeboten. Die alten Ställe wurden zu Ferienwohnungen umgebaut und auch die kleine Kapelle ist ein Hingucker. Für ein paar Meter muss ich danach mit der breiten Alpstrasse Vorlieb nehmen, aber schon kurz darauf ist der nächste Trail in Sicht.
 
 
Dass das Beste zum Schluss kommt trifft heute wieder einmal zu, vom Pas de Lona weg sind die Trails top. Der weitere Weg führt als schmaler Strich durch den Hang bevor ich in den Wald eintauche, der Wurzeltrail lässt mein Herz noch ein letztes Mal höherschlagen. Zwischen den alten Speichern hindurch vernichte ich im Tiefflug die letzten Höhenmeter, bevor ich in Evolène wieder am Ausgangspunkt meiner kleinen Runde bin.
 
 
Wie schon erwartet konnte die heutige Tour nicht ganz mit dem interstellaren Erlebnis von gestern mithalten, schön war es trotzdem. Im Gegensatz zu Falco flüchte ich mich deswegen aber nicht gleich in ein nasales Schneegestöber, sondern lasse den letzten Tag im Tal der Eringerkühe bei einem Sierrvoise stielvoll ausklingen. Die Zeit im Val d'Hérens war super und ich war sicher nicht das letzte Mal hier, da gibt es noch so einiges zu entdecken. Überhaupt habe ich an den Seitentälern im französischsprachigen Teil des Wallis richtig Gefallen gefunden und kann es kaum erwarten den restlichen Tälern auch noch einen Besuch abzustatten. Hiermit wäre die Sommerberichtserstattung nun auch bei mir abgeschlossen, aber bald geht es ja schon wieder los mit den traditionellen Ticinodays.
 

Gesamtstrecke: 36.19 km
Maximale Höhe: 2907 m
Minimale Höhe: 1371 m
Gesamtanstieg: 1978 m
Gesamtabstieg: -1978 m
Total time: 06:13:51

6 Comments

  1. Ventoux sagt:

    Nochmal ein Bericht einer geilen Tour, wunderschön wie immer bebildert, danke. Da werden aus meinen Teilnahmen am Grand Raid viele Erinnerungen an etliche Leidensstunden am Lona wach. Zudem dient mir Dein Bericht sehr im Hinblick auf eines meiner Projekte im kommenden Bikesommer 😉 Auf eine wundervolle Bikesaion 2019.

  2. ROTSCHER sagt:

    Schöne Runde. Den Col de Torrent kenne ich nicht, aber den Pas de Lona. Die Ebene gegen den Passet de Lona ist zwar nicht die Schönste, aber dafür ein super fahrbarer Aufstieg mit Blick auf den türkisblauen Stausee. Für die Tour zum Becs de Bosson wählen viele die Route über das Skigebiet, was ich auch nicht als extrem lohnenswert empfinde. Aber aufgepasst, der Col du Louché ist passé. Im Talkessel vom Val de Réchy ist striktes Bikeverbot. Ich finde man sollte sich daran halten. Somit gibt es keine Querung mehr von diesem Gebiet. Es bleibt nur der Argentinier vom Becs de Bosson oder der Brasilianer von Vercorin aus. Beide Routen sind zwar toll und kann man mal fahren, aber nicht das was wir suchen und lieben 😉 … auf die nächste Saison mit so toller Sommerberichterstattung 🙂

  3. Piotr sagt:

    Schöne Tour. Col du Louché Richtung See “Le Louché” ist seit ein paar Jahren Naturschutzgebiet mit Bikeverbot.
    Gruss Piotr

  4. Sven sagt:

    Danke euch für den Hinweis, von dem Verbot habe ich mal was gelesen, mich aber noch nie über den genauen Umfang informiert und werde es natürlich respektieren.

    Darauf hoffe ich auch, auf eine wundervolle nächste Saison mit viel Stoff zum Berichten und der einten der anderen gemeinsamen Tour 😉

  5. Axel sagt:

    Super Bilder. Tolle Tourenbeschreibung. Vielen Dank.
    Weiss jemand ob man einen Abstecher auf die Cabane Becs de Bosson oder Cabane de Moiry einbauen kann um die Tour etwas zu strecken oder ist das nicht lohnenswert/bestehen Bikeverbote oder ähnliches bei den Zufahrten zu den Hütten ?

    • Sven sagt:

      Gegen einen Abstecher zur Cabane Becs de Bosson spricht IMO nichts, Bikeverbot besteht da keins. Zur Cabane de Moiry kann ich nichts sagen, die andere Gletscherseite reizt mich aber schon länger 😉

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