Dents du Midi

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Hoch über dem Chablais wachen sie über den Eingang des Wallis, die Dents du Midi sind jeweils die ersten Gipfel die ich auf dem Weg ins Wallis erblicke. Die höchste Spitze dieser Gebirgskette, die Haute Cime, stand schon lange auf unserer Wunschliste. Letztes Wochenende sollte es dann endlich soweit sein, der Wetterbericht versprach schönes Spätsommerwetter und wir reservierten uns die letzten freien Plätze in der Auberge de Salanfe, da wir daraus eine Zweitagestour machen wollten. Rotscher hatte auch schon die passende Aufstiegsroute ausgetüftelt und so treffen wir uns am Morgen mit Beat in Martigny. Mit dem Zug fahren wir hinauf nach Finhaut, von wo aus eigentlich ein Postauto zum Lac d'Emosson fahren würde, aber nicht mehr um diese Jahreszeit und so kommen halt nochmals ein paar Höhenmeter dazu. Unsere beiden Knackvilles machen dabei ihrem Namen wieder einmal alle Ehre und Beat fragt berechtigterweise, warum wir trotz all den Problemen immer noch so vernarrt in unsere Alurösser aus dem Allgäu sind. Oben beim Lac d'Emosson angekommen gibt es zuerst einmal einen Kaffee, bevor es durch den Tunnel der rechten Seeseite entlang nach hinten geht. Beat und ich waren hier ja schon vor ein paar Wochen auf unserer Tour zum weissen Pferdchen unterwegs. Im Gegensatz zu damals machen wir aber heute bei der Alphütte nicht wieder kehrt, sondern schwingen unsere Bikes auf die Schultern und schlagen den Weg zum Col de Barberine ein. Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel, Stille und goldgelbe Wiesen, schöner könnte es nicht sein. Beim Blick zurück gibt der Lac d'Emosson mit der Pointe de la Finive dahinter ein wunderbares Bild ab.
 
 
Der erste Aufstieg geht noch locker flockig vonstatten und wir sind gespannt, was uns auf der anderen Seite erwarten wird. Ein Bloggerkollege hatte die beiden Pässe kürzlich auch befahren und von nur wenig fahrbaren Anteilen berichtet. Beim Aufstieg noch weitestgehend windstill, schlägt uns mit dem Erreichen des Passes ein stürmischer Wind entgegen. Eben gerade noch am Schwitzen, wird uns schnell kalt. Darum verweilen wir auch nicht lange auf dem Übergang, ziehen schnell die Jacken an und stürzen uns in die Abfahrt. Diese sieht von oben vielversprechend aus und entpuppt sich auch als solche, sehr cool, wir sind positiv überrascht.
 
 
Eine feine Spur zieht sich durch den schier endlosen Schotterhang. Der lose Untergrund bietet wenig Halt und erfordert Feingefühl auf der Bremse, ist aber stets gut fahrbar, ich liebe solches Schottersurfen. Weiter unten ändert sich dann die Wegbeschaffenheit und es wird technischer, ganz alles ist hier nicht mehr fahrbar, aber vieles und wir haben sichtlich unseren Spass dabei.
 
 
Unten im Vallon d'Emaney sind wir uns einig, allesRotscher. Die erste Abfahrt in dieses schöne Seitental wusste schon mal zu Begeistern, wie wird da wohl die nächste sein? Zuerst ist jetzt aber eine Pause fällig, wir setzten uns in die Sonne, ruhen uns etwas aus und stärken uns mit zuckerhaltigem Proviant aus dem Rucksack.
 
 
Nun steht der nächste Aufstieg an, bis zum Col d'Emaney gilt es nochmals ein paar Höhenmeter zu erarbeiten. Dabei werden wir von ein paar Yaks kritisch beäugt, welche da mit dem Chef der Alpen im Hintergrund ein schönes Fotosujet abgeben. Beim Blick auf die andere Talseite sehen wir nochmals die ganze Abfahrt, von hier aus nur schwer vorstellbar, dass davon das meiste fahrbar war.
 
 
Wie schon auf dem vorherigen Pass, empfängt uns auch auf dem Col d'Emaney wieder eine steife Brise. Von hier aus können wir einen ersten Blick auf die Dents du Midi und auf unser morgiges Ziel, die Haute Cime erhaschen. Wollen wir da wirklich mit den Bikes hinauf, von hier aus schaut die hohe Spitze nicht gerade biketauglich aus. Tief unter uns erstreckt sich der Lac de Salanfe, unser heutiges Etappenziel.
 
 
Die zweite Abfahrt des Tages zaubert uns erneut ein Lächeln ins Gesicht, zwar hat es auch hier einzelne unfahrbare Passagen, aber über weite Strecken können wir unsere lauten Naben schnurren lassen. Da steht plötzlich jemand winkend auf dem Weg, ist es die Trailpolizei? Nein es ist David, der direkt von Salvan her aufgestiegen ist und uns morgen beim Sturm auf die hohe Spitze begleiten wird.
 
 
Wir rocken zusammen noch die letzten paar Meter Trail bis zur Auberge de Salanfe, wo wir uns auf der Terrasse das obligate Tourabschlussbierchen munden lassen. Unsere kleine Unterwalliser Haut-Route von See zu See war ein voller Erfolg, viel besser als erwartet. Trotz proppenvoller Bude bietet das charmante Hüttenteam einen super Service und für uns hungrige Biker gibt es sogar noch einen Nachschlag. Um 22 Uhr ist dann Nachtruhe, müde und satt fallen wir in die Heia.
 
 
Am Morgen wachen wir mehr oder weniger ausgeschlafen auf, ein paar Schnarchnasen hat es halt immer in einem Massenlager und dementsprechend erholsam war der Nacht. Erst einmal ein Kaffee und die Welt ist wieder in Ordnung. Beat fühlt sich leider nicht so gut und entscheidet sich auf den heutigen Gipfel zu verzichten, schade, aber mit Kopfschmerzen macht dies definitiv keinen Sinn.
 
 
Nachdem wir uns von Beat verabschiedet haben, machen wir uns auf den Weg. Die Morgensonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, besser könnten die Bedingungen nicht sein, denken wir uns. Mit Blick auf den Tour Sallière geht es dem Stausee entlang nach hinten. Das Sprichwort "Morgenstund hat Gold im Mund" trifft hier voll und ganz zu, solch herrliche Momente in den Bergen sind einfach unbezahlbar.
 
 
Am hinteren Ende des Stausees ist fertig mit fahren, für die nächsten 1200 Höhenmeter dürfen es sich die Bikes auf unseren Schultern gemütlich machen. Mit Blick auf die Haute Cime machen wir uns an den Aufstieg, noch sind wir guter Dinge und kommen zügig voran. Auf die grünen Alpwiesen folgt anthrazitgraues Geröll und oben auf dem Col de Susanfe dann rötliches Dolomitgestein, welches einem wähnt in einer Vulkanlandschaft unterwegs zu sein.
 
 
Mit dem Erreichen des Passes ist der fiese Wind vom Vortag wieder da und je höher wir kommen, desto heftiger wird er. Zu dem Wind gesellen sich jetzt auch noch starke Böen, wir können uns zeitweise kaum auf den Beinen halten und kommen nur noch mit viel Mühe voran. Aiolos (der Gott des Windes) ist wohl heute nicht gut auf uns zu sprechen, so macht das definitiv keinen Sinn. Wir fragen einen Wanderer der sich auf dem Abstieg befindet , wie es weiter oben aussehe. Er lacht nur und meint, der Wind hier unten sei noch gar nichts gegen oben im Gipfelbereich. So entscheiden wir uns auf knapp 2700müM schweren Herzens den Rückzug anzutreten.
 
 
Die Bilderbuchfotos täuschen darüber hinweg, wie schwer uns das Sturmtief Mortimer zu schaffen macht. Bis zum Col de Susanfe hinunter ist es wie ein Tanz auf Eiern, immer wieder pustet es uns fast vom Bike. Dann gibt es aber kein Halten mehr, wir lassen es krachen, die Abfahrt ist genial, genau nach unserem Geschmack. Wir getrauen uns kaum auszumalen, was wir durch die vorzeitige Umkehr wohl alles verpasst haben.
 
 
Auch wenn es die einzig vernünftige Entscheidung war, nagt es schon etwas an uns, die angepeilte Spitze heute nicht erreicht zu haben. Der folgende Trail über die Schotterhänge tröstet da etwas über den verpassten Gipfel hinweg, ein Traum, hier vor dieser superschönen Kulisse mit dem Bike durch die Steinlandschaft zu pflügen. Wir sind uns jetzt schon einig, ein erneuter Besuch im nächsten Jahr muss sein.
 
 
Für die weitere Abfahrt wollen wir noch die zweite Variante ausprobieren, diese sieht von oben recht vielversprechend aus. Der Eindruck täuscht leider, nur einzelne Abschnitte sind fahrbar und sie eignet sich höchstens als Aufstiegsalternative. Anstatt oben auf dem Gipfel machen wir jetzt halt unten am See unsere Mittagspause, immerhin ist es hier windstill und wir geniessen am Ufer die wärmenden Sonnenstrahlen.
 
 
Frisch gestärkt und ausgeruht geht es nun weiter zum Col du Jorat, die steilen Rampen bringen den Puls nochmals zum Anschlag, bevor wir kurz darauf oben beim Kreuz stehen. Der vierte Pass innerhalb zweier Tage und die Aussicht ist einmal mehr super. Auf der einen Seite der Tiefblick zum Lac de Salanfe und auf der anderen Seite liegt uns das Chablais zu Füssen, mit Fernsicht bis zum Genfersee.
 
 
Der geshapte Weg auf der anderen Passseite ist nicht gerade was wir suchen, aber Rotscher hat nach den ersten paar Kehren eine Alternative bereit. Dafür ist noch etwas Fussmarsch durch die Büsche notwendig und dann geht es los. Der Heidelbeer-Trail ist seidenfein, die Farben und Düfte herrlich, andere Biker kommen hier wohl kaum durch und auch nur vereinzelt mal ein Wanderer.
 
 
Weiter unten stossen wir wieder auf den offiziellen Weg, es liegen immer noch über 1000 Tiefenmeter vor uns und diese haben es in sich. Durch den Wald geht es flott nach unten, die Bremsen glühen und der Trail fordert nochmals unsere ganze Aufmerksamkeit. Mit müden Beinen und Armen kommen wir unten in Evionnaz aus dem Wald heraus, nach diesem Trailfeuerwerk ist die Enttäuschung über den verpassten Gipfel schon fast wieder vergessen. Jetzt noch ein kühles Bierchen um den Staub hinunter zu spülen, aber kein einziges Restaurant ist am Sonntagnachmittag geöffnet und dies hier im Wallis, kaum zu glauben.

Auch wenn wir die angepeilte Haute Cime leider nicht erreicht haben, waren es doch zwei superschöne Tage in einer wunderbaren Gegend. Mit euch macht es immer wieder Spass auf Entdeckungstour zu gehen und da gehört es halt auch dazu, dass nicht immer alles wie geplant verläuft. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und ich hoffe ihr seid alle beim nächsten Versuch wieder dabei, dann hoffentlich mit einem besser gelaunten Aiolos und ohne Knackvilles.
 

12 Comments

  1. IBEX73 sagt:

    Glückwunsch zu dieser Supertour,ihr Knackis……haha! Neumodisches Gelumpe aussem Allgäu….grins……!! Gute Entscheidung,dort umzudrehen,denn die Passage vom Gipfel zum Faulenzer runter bedarf einer sehr ruhigen,konzentrierten Fahrweise…..dann auch noch den saugeilen Beerenpfad von Lemming gefunden….TOP!

  2. blackCoffee sagt:

    Der Peruaner ist wirklich nicht zu verachten…Und die Zweitmeinung zu den Passagen des ersten Tages ist auch gut.
    Der Susanfe steht auch noch auf meiner Todo-Liste (sie wird immer länger…)

  3. Ventoux sagt:

    Wunderschöner Bericht dieser Tour, bin ja auch angesprochen mit dem kürzlich begangenen ersten Tag über die beiden Pässe. Und ich bleibe dabei, für einen mittelmässigen Techniker wie mich sind die beiden Pässe nicht so spassig. Der Lohn für die langen und harten Tragepassagen stimmt für mich nicht. Schade hat’s mir der Haute Cime nicht geklappt.

  4. ROTSCHER sagt:

    Richtig hammermässig die Gegend, Steine im Überfluss. Super Bilder, tolle Aufnahmen von mir 🙂 … Ich denke gerne zurück, waren zwei geniale Tage mit den passenden Kumpels. Einfach schade dass bei solch fast perfekten Bedingungen uns der Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Das kratzte bei mir schon etwas am Ehrgeiz. Man soll aber auch immer das Positive daran sehen. Das wäre nämlich, dass wir nochmals zusammen zwei Tage im Salanfe verbringen, inkl. Gipfelbezwingung. Ich freue mich bereits darauf, bin sicher gebucht.

    • Sven sagt:

      Ja, auch an mir nagt der verpasst Gipfel immer noch etwas, aber wie Du schon erwähntest, sollte man das Positive daran sehen und so oft kommt dies zum Glück ja nicht vor. Bei mir war es erst die zweite Tour, wo ich noch vor dem Gipfel umkehren musste und David hatte bei beiden das Glück dabei zu sein 😁

      • David sagt:

        Haha, ja vielleicht liegts ja an mir, Sven? Ich hoffe nicht 🤣 Wäre nämlich das nächste Mal auch gern wieder dabei 😃
        Dass der obere Pass übersetzt Faulenzer heisst, ist ja auch nicht ganz ohne Ironie… LG

        • Sven sagt:

          Ach was, das ist doch (ohne Wind) ein Sonntagsspaziergang zum oberen Pass 😂

          Nene, geteiltes Leid ist halbes Leid und der Gesetzmäßigkeit nach dürften wir nächstes Jahr davon verschont bleiben 😆

      • IBEX73 sagt:

        Das liegt vielleicht aber auch nur am Reiseunternehmen…hehe. Ich zähle übrigens 3: der obige+zwei Tessiner….

        • Sven sagt:

          Stimmt, im Ticino waren es ja gleich zwei im selben Jahr, könnte also doch etwas mit diesem komischen Reiseunternehmen zu tun haben 😜 und der selbige Reiseleiter hatte ja auch schon von der hohen Spitze geschwärmt, lange vor diese zur TGPT wurde 😂

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