Gletscher-Biken

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Gooood Morning Zermatt, beim morgendlichen Blick vom Balkon grüsst das in die Morgensonne getauchte Horu. Ich hingegen fühle mich noch nicht so sonnig, war es vieleicht die anstrengende Tour am Vortag oder doch der leckere Wein? Egal, ich lege mich nochmals für ein Stündchen hin, bin ja in den Ferien. Dementsprechend spät starte ich dann auch in den Biketag und rolle gemütlich zur Talstation, wo ich an der Kasse ein Ticket für bis ganz nach oben ordere. Allzu oft kommt dies wohl nicht vor, die Dame an der Kasse fragt extra nochmals nach, da die meisten Biker nur bis zur Station Schwarzsee fahren. Eh gerade ein bisschen eine komische Situation hier, dick eingepackte Skifahrer und Biker im kurzen Tenü besteigen die gleiche Bahn.
 
 
Oben auf dem Trockenen Steg empfängt mich eine Grossbaustelle, es wird eine neue Bahn auf das Klein-Matterhorn gebaut. Ich verlasse schnell diesen lärmigen Ort und mache mich auf in Richtung Gletscher. Aus dieser Perspektive sehe ich das Matterhorn zum ersten Mal, es sieht so ganz anders aus als der gewohnte Anblick von Zermatt her.
 
 
Schon kurzer Zeit später habe ich die Zunge des Oberen Theodulgletschers erreicht und betrete Mitten im Sommer Eis und Schnee. Eine Ratracspur führt neben dem Schlepplift nach oben, auf ihr kann ich den Gletscher gefahrlos begehen. Der Untergrund ist noch leicht angefroren und fahren wäre mit entsprechendem Kraftaufwand möglich, aber ich schiebe lieber und geniesse den Rundumblick auf dieser Gletscherwanderung. Auf der einen Seite das Matterhorn mit dem Dent d'Hérens daneben und auf der anderen Seite das Klein-Matterhorn mit dem Breithorn. Auf dem Klein-Matterhorn ist aktuell die höchste Baustelle Europas, auf über 3800müM wird an der neuen Bergstation gebaut. Auf dem Breithorn waren übrigends auch schon Biker, Lukas Stöckli befuhr es 2007 mit Frischi im Zuge seines Gipfelstürmer-Projektes von Montreux nach Lugano.
 
 
Nach etwa 2.5km stehe ich unterhalb des Theodulpasses mit der gleichnamigen Hütte daneben. Funde aus der Jungsteinzeit und ein römischer Münzschatz lassen darauf schliessen, dass der Pass schon seit tausenden von Jahren als Übergang vom italienischen Valtournenche ins Mattertal genutzt wird. Unten im gerölligen Hang ist eine Gruppe asiatischer Touristen in voller Bergsteigermontur unterwegs, ich schwinge meine Bike auf den Rücken und ziehe an ihnen vorbei zur Theodulhütte rauf.
 
 
Ins Restaurant sitzen mag ich bei diesem schönen Wetter nicht und suche mir etwas oberhalb der Hütte ein Plätzchen. Der Blick in Richtung Matterhorn ist super, der nach Italien eher weniger. Von der italienischen Seite aus könnte man theoretisch mit Geländefahrzeugen bis zur Theodulhütte fahren, es ist der höchste mit zweispurigen Fahrzeugen erreichbare Punkt der Alpen.
 
 
Ich lege mich in die Sonne und geniesse das Gletscherpanorama. Im Vergleich zu gestern hat es gefühlte 20° mehr, einfach herrlich hier oben auf über 3000müM zu sünnelen. Dies denkt sich wohl ich die Italienerin neben mir, welche es sich in Bikinioberteil und Hotpants in der Sonne gemütlich macht. So lassen sich die doch Ferien geniessen, ich könnte den ganzen Nachmittag hier liegen bleiben, fehlt nur noch eine Glace.
 
 
Plötzlich ist es aber vorbei mit der Ruhe, ein Helikopter kommt von Italien her angeflogen und landet direkt neben uns. Die Crew geht in die Hütte essen und ich kann es mir nicht verkneifen einen Schnappschuss zu machen, um euch betreffend Helibiking etwas in die Irre zu führen. Da ich jetzt schon stehe, könnte ich mich eigentlich auch langsam an die Abfahrt machen. Um nicht wieder den Geröllhang hinunter klettern zu müssen, steige ich aber erst noch etwas weiter auf, bis ich wieder auf der Ratracspur neben dem Schlepplift bin. Jetzt geht die Gletschergaudi los, ich kann es bergab über den Eisschnee laufen lassen. Dieser ist unter der Sonneneinstrahlung schon recht sulzig geworden und bremst mich leicht, ein etwas schwammiges Fahrgefühl, aber sehr spassig das Ganze. Das Schmelzwasser spritzt dabei ins Gesicht, ein schön erfrischender Ride an so einem heissen Sommertag.
 
 
Im unteren Teil wird der Gletscher wieder flacher und blutet, es fliessen regelrechte Schmelzwasserbäche über den gespurten Weg. Nicht mehr ganz trocken erreiche ich den Trockenen Steg und biege links ab zum Theodulgletschersee. An diesem vorbei folge ich dem Wanderweg, welcher mich in eine wunderschöne Welt aus Steinen, kleinen Bächlein und unzähligen Seechen entführt.
 
 
Einfach immer dem Horu entgegen, die Szenerie hier oben ist einmalig, fast schon kitschig. Auch die Hörnlihütte sieht man von hier aus gut, wie sie dort oben am Fels klebt. Ganz so weit rauf möchte ich aber nicht, mein Ziel ist der bräunliche Grat eine Etage tiefer. Zum Furggbach runter wird es dann wieder etwas steiler und anspruchsvoller, perfekt, das habe ich heute bisher ein bisschen vermisst.
 
 
Wo es runter geht, muss man auch wieder rauf. Nach dem Überqueren des Furggbaches schultere ich das Bike und mache mich auf den Weg in Richtung Hirli. Vorbei an der Skiliftstation steuere ich auf die Metalltreppen zu, welche hinauf auf den Grat führen. Dies hier ist eine beliebte Wanderstrecke und die blöden Sprüche lassen natürlich nicht lange auf sich warten. Alle sind aber guter Laune, ich stehe artig auf die Seite, mache Platz und kontere verbal.
 
 
Oben auf dem Grat kann ich mich dann wieder in den Sattel schwingen und bis zur Verzweigung wo der Weg zur Hörnlihütte abbiegt ein Stück fahren. Näher kommt man dem Horu mit dem Bike wohl nirgends, der markante Felszahn ragt direkt vor mir in die Höhe. Für einen Hike-Abstecher zur Hörnlihütte ist die Zeit leider zu knapp, diesen verschiebe ich auf das nächste Mal.
 
 
Ich setzt mich hin und geniesse bei einem Stück Kuchen die prächtige Aussicht. Von hier aus habe ich eine gute Sicht auf den Höhbalmen-Trail, welchen ich gestern gefahren bin. In der Ferne kann ich das Platthorn erkennen und auch das Zinalrothorn bekomme ich so heute noch zu Gesicht. Lässt man den Blick weiter nach links schweifen, sticht das Ober Gabelhorn und der mächtige Dent Blanche ins Auge.
 
 
Einmal um 180° gedreht und ich hab fast die ganze heutige Tour im Blickfeld. Vom Trockenen Steg aus rauf zum Theodulhorn wo sich der Theodulpass befindet, das Klein-Matterhorn, die drei Gipfel des Breithorns, der Liskamm (auch Menschenfresser genannt) und schliesslich das Monte-Rosa Massiv mit der Dufourspitze. Egal von welchen Punkt aus hier um Zermatt, das Panorama ist immer wieder aufs Neue beeindruckend, eine regelrechte Überdosis an Gipfel, Gletschern, Schnee und starken Kontrasten.
 
 
Auf das was jetzt kommt habe ich mich schon lange gefreut, ich starte in die Abfahrt zur Obere Stafelalp. Der schotterige Hang hier direkt unter dem Horu ist recht steil, aber erstaunlich gut fahrbar. Genial, hier direkt am Fuss des Zermatter Wahrzeichens diesen Steilhang hinunter zu fahren, auch heute jagt wieder ein Highlight das nächste. In der Morgensonne wäre dies ein Top-Fotospot für schöne Bikebilder, da müsste man fast mal was draus machen.
 
 
Etwas weiter unten lockern ein paar Kürvlein die gerade Linie durch den Steilhang auf, aber nichts wildes, ein richtiger Bilderbuchtrail. Dies ändert sich schon bald darauf, der feinschotterige Hang ist zu Ende und es wird wieder felsiger. Die verblockten Geländestufen tragen auf der Karte die Bezeichnung "Seichren" und es erwarten mich grosse Steine, Platten und Absätze, wo ich bei den gröbsten Stellen lieber absteige.
 
 
Dieser schwierige Teil ist aber nur von kurzer Dauer und ich tauche schon kurz darauf in die wunderbare Landschaft von Mittelerde ein. Hobbits entdecke ich auch heute keine, die Munggen hingegen sind da weniger scheu und machen sich lautstark bemerkbar. Wir sind diesen super Trail schon am Bike-Meet gefahren, da aber vom Schwarzsee her, es führen viele Wege durch die verwunschene Hügelchen von Mittelerde.
 
 
Ich fahre weiter hinunter zum Zmuttbach, überquere diesen und gelange über die Chalbermatten zum Weiler Zmutt. Von hier aus nehme ich als Workout noch den YoYo-Trail mit, supergeil, ich kenne ihn ja schon vom Bike-Meet her und kann es fliegen lassen. In stetigem Auf und Ab flitze ich Zermatt entgegen, dieser Trail macht einfach immer wieder Spass, der optimale Abschluss für so einen Biketag.
 
 
Nach dieser eher gemütlichen Tour bin ich heute früh genug im Hotel zurück, um den Jacuzzi nochmals ausgiebig zu geniessen. Ich lasse es blubbern und liege in der Sonne, bis diese hinter den Bergen verschwindet. Der der kulinarischen Genuss kommt natürlich auch heute nicht zu kurz, für mich gerade so wichtig wie gute Trails. Nach dem Dessert schaut Beat noch vorbei und wir plaudern bei ein paar Bierchen über das Biken und Pläne für die Zukunft. Auch wenn ich schon müde bin, bei dem sternenklaren Himmel muss ich einfach noch etwas auf den Balkon sitzen und gegen oben schauen. Echoes, die letzte Liveaufnahme aus Gdańsk mit Rick an den Tasten ist dazu der ideale Soundtrack. Sternengucken in Zermatt, schöner könnte der zweite Biketag nicht enden.
 


volle Distanz: 25.09 km
Maximale Höhe: 3371 m
Minimale Höhe: 1614 m
Gesamtanstieg: 823 m
Gesamtabstieg: -2119 m

6 Kommentare

  1. michi220573 sagt:

    Sven, Du klaust meine Pläne ;o) Sehr schöne Tour !!! Aber muss es im ersten Absatz nicht Schwarzsee heißen statt Blausee? Vom Trockenen Steg kann man auch in der anderen Richtung bergab fahren zurück Richtung Schwarzsee:

    http://www.mtb-news.de/forum/t/die-besten-single-trail-freeride-pics-teil-1.434931/page-319#post-12220096

    Schwierigkeiten mit der Kassiererin hatten wir auch. Vielleicht gibt man sich an der Kasse besser nicht als Biker zu erkennen, sondern kauft einfach ein Ticket zum Trockenen Steg. Die Velo-Tageskarte hat man ja schon in Täsch gelöst.

    Weiter so !!!

    • Sven sagt:

      Hoi Michi, danke Dir für den Hinweis, hast natürlich recht, keine Ahnung wie ich auf den Blausee kam.

      Ja genau, da gibt es noch andere interessante Abfahrtsmöglichkeiten vom Trockenen Steg. Die drei Tage waren einfach zu kurz, aber der nächste Sommer kommt bestimmt 😀 Probleme an der Kasse gab es keine, scheint einfach nicht gerade an der Tagesordnung zu sein, dass Biker bis zum Trockenen Steg fahren. Nur aufs Klein-Matterhorn nehmen sie (leider) keine Bikes mit.

  2. ROTSCHER sagt:

    Top Eindrücke. Das gibt „Gluscht“ auf die Toblerone. Diese Abfahrt muss ich auch mal unter die Räder nehmen. Man könnte ja alles auch mit dem Bike hochpedalen, dann würde es locker eine Ganztagestour ergeben 😉
    Und wo bleibt das Foto der Italienerin 😎

    • Sven sagt:

      Ich sag es mal so, nicht alle Italienerinnen sind Models 😆

      Hochpedalieren stelle ich mir wenig attraktiv vor, wie halt in den meisten Skigebieten. Dann lieber noch ein zweites Mal mit der Bahn hoch und den schwarzen Trail über Furgg anhängen, oder eben ein Hike-Abstecher zur Hörnlihütte.

  3. blackCoffee sagt:

    Hoi Sven, habe heute die Gabel eingebaut (Service) und mich auf die neue Saison gefreut…. Nach dem Lesen Deines Beitrags habe ich Entzugserscheinungen!

    Im Ernst: Fantastische Bilder und ein toller Post – mehr davon bitte!

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