Sirwoltesattel & Wyssbodehorn

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5. Oktober 2019
 
Eigentlich hatte ich nach den intensiven Ferien für das vergangene Wochenende nichts Grosses geplant und mich schon aufs Relaxen gefreut. Ein Mail von David durchkreuzte aber meine Pläne, nach der langen Verletzungspause war er heiss auf Trails und hatte auch gleich einen verlockenden Vorschlag am Start. Da konnte ich natürlich nicht wiederstehen, die letzte gemeinsame Tour war schon viel zu lange her und faul herumliegen kann ich ja im Winter noch genug. Anstatt auszuschlafen klingelt also der Wecker schon um 5 Uhr in der Früh, schnell ein Kaffee geschlürft und zum Bahnhof hinuntergerollt. In Bern treffe ich dann im bereits gut gefüllten Zug auf David und Freddy. In Visp steigen wir auf das gelbe Bikeshuttle um, welches uns hinauf nach Visperterminen bringt. Der Sessellift nach Giw erspart uns nochmals ein paar Höhenmeter und so bleibt noch genügend Zeit für Kaffee und Gipfeli. Die Quittung für das Bähnlibiken erfolgt aber postwenden in Form des steilen Kaltstartes zum Gebidumpass hinauf. Der Heido-Suone entlang geht es anschliessend in das Nanztal hinein. Das Ende des Sommers kündigt sich nicht nur durch die kühlen Temperaturen am Morgen an, auch der Farbwechsel ist bereits in vollem Gange und die Sträucher leuchten rot in ihrer Festtagsgarderobe.
 
 
Die Idylle hinten im Fulmoss fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Für ein Päuschen ist es aber noch zu früh und wir fahren auf der anderen Seite wieder ein Stück das Nanztal hervor, bis wir zu einem Abzweiger kommen. Ein schmaler Pfad führt von hier hinauf zum Sirwoltesattel, mit genügend Kniegas wäre dieser wohl fahrbar, wir entscheiden uns aber fürs Schieben. Oben auf dem unscheinbaren Sattel weht eine steife Brise und wir können einen ersten Blick auf den heutigen Gipfel des Tages erhaschen.
 
 
Auf der anderen Seite des Sirwoltesattels geht es wieder hinunter, ein schöner Trail zum Aufwärmen, noch nicht zu anspruchsvoll und mit ein paar Kehren gespickt, zaubert er uns ein Lächeln ins Gesicht. Schon bald kommt auch der türkisblaue Sirwolte-Weiher in Sicht, einer von drei kleinen Seen, die hier in verschiedenen Blautönen einen schönen Kontrast zu den Schneeflecken und dem Grau der Steine abgeben.
 
 
Nachdem wir das dritte Seechen passiert haben, schwingen wir die Bikes auf die Schultern und suchen uns den Weg entlang den rotweissen Wegmarkierungen durch die Steinwüste. Heute ist wieder einmal richtiges Bikebergsteigen angesagt, über mannshohe Felsbrocken klettern wir nach oben in Richtung Gipfel. Die Frage der Wanderer, ob dies dann Spass mache, können wir definitiv mit einem "Ja" beantworten, auch wenn dies für Aussenstehende wohl nur schwer nachvollziehbar ist.
 
 
Die steife Brise hat sich mittlerweile zu einem regelrechten Orkan entwickelt, die Bikes auf dem Rücken wirken dabei wie ein Segel und wir müssen schauen, dass es uns nicht gleich vom Berg weht. Nicht umsonst wird der Simplon als Wetterscheide bezeichnet, schon bei unserer Tour über die Mäderlicke hatten wir letztes Jahr mit starken Winden zu kämpfen.
 
 
Auch wenn die Nasen fast eingefroren und die Finger trotz Handschuhe klamm sind, eine kurze Pause oben auf dem Gipfel des Wyssbodehorns lassen wir uns nicht nehmen und verputzen unsere mitgebrachten Sandwiches. Der Tiefblick auf die Simplonpassstrasse ist fantastisch und in der Ferne stechen das Finsteraar- und Aletschhorn als spitze Zacken aus dem grauweissen Bergpanorama hervor.
 
 
Frisch gestärkt und halb durchgefroren starten wir anschliessend in die Abfahrt, dabei wird uns schnell wieder warm. Weit kommen wir aber nicht, schon kurz nach dem Gipfel kommen wir zu einem grossen Felsen, der da wie eine Aussichtsplattform hoch über der Passstrasse thront. Der Spot ist fast ein Must wenn man hier unterwegs ist und auch wir können es nicht lassen und schiessen ein paar Fotos.
 
 
Wie gerne wäre ich jetzt so ein Simplon-Adler, kurz abstossen, die Flügel ausbreiten und zum Rundflug ansetzen, das wäre schon cool. Aber auch auf dem Boden der Tatsachen lässt einem dieser Felsbalkon kaum mehr los. Tief unter uns die Passstrasse welche sich zum Hospiz hochschlängelt und gegenüber das nicht wirklich hübsche Hübschhorn mit seinem vergletscherten Nachbarn dem Breithorn.
 
 
Jetzt geht es aber los, mit einem Sprung starten wir direkt vom Felsbalkon in die Abfahrt und diese hat es in sich. Das Lächeln in unseren Gesichtern wandelt sich zu einem breiten Grinsen, meine beiden Kollegen öhlern herum was das Zeugs hält und auch ich komme auf meine Kosten. Der Wanderweg ist wild und naturbelassen, genauso wie wir es lieben, andere Biker kommen hier wohl nur selten durch.
 
 
Der Trail fordert unsere ganze Aufmerksamkeit, an einzelnen Stellen müssen wir immer mal wieder absteigen, zu eng und verblockt sind die Kehren und zu tief die Furchen, aber das meiste ist fahrbar und mehr als eine Entschädigung für den anstrengenden Aufstieg. Die Gegend hier rund um den Simplon hat ihren ganz eigenen Reiz, gerade jetzt wo die Alpwiesen so schön goldgelb sind, wie eine prallgefüllte Schatztruhe.
 
 
Bei der Alp Rossbodestafel treffen wir auf ein paar Einheimische, die gerade generationenübergreifend beim renovierten der alten Steinhäuser sind. Auf die Frage wo wir herkommen, antworte ich mit "aus der Üsserschwiiz" und das Eis ist gebrochen. Wir plaudern noch etwas mit dem Familienoberhaupt, welches schon seit über 70 Jahren hier z'Alp geht, bevor wir weiterfahren. Der nun folgende Trail nach Egga ist der totale Kontrast zum bisher gefahrenen, auf dem seidenweichen Nadelteppich vernichten wir durch den fein duftenden Wald die letzten Höhenmeter.
 
 
Von Egga bis auf die Passhöhe müssen jetzt nochmals 400 Höhenmeter erarbeitet werden. Auf der alten Passtrasse pedalieren wir gemütlich hoch und geniessen dabei das herrliche Spätsommerwetter. Dabei kommen wir am alten Hospiz vorbei, welches 1650 von Kaspar Stockalper erbaut wurde und den Säumern auf dem Stockalperweg als Schutzhaus diente. Auf der Passhöhe legen wir nochmals eine kurze Pause ein und blicken zum Mäderhorn hinauf, wo wir letztes Jahr etwa zur selben Zeit unterwegs waren.
 
 
Auf dem Stockalperweg nimmt der zweirädrige Säumer-Express nun wieder Fahrt auf, flowig ist anders, aber dafür gibt es ja überall die planierten Murmelbahnen, wir bevorzugen da die Herausforderung. Der Gegenanstieg zum Schallberg fordert die Beinmuskulatur noch ein letztes Mal, bevor es durch die Saltinaschlucht talwärts geht. Das Glöckchen im Stockalperpalast heisst uns mit einem Bimmeln willkommen, als wir mit müden Fingern in Brig einrollen. Im Stadtzentrum ist gehörig was los, der Legende nach wurde das Cordon-Bleu hier vor über 200 Jahren in einem Briger Restaurant erfunden und dies wird heute mit dem CBB-Festival gebührend gefeiert. Da schlagen natürlich auch wir gerne zu, so ein feines Stück Fleisch gefüllt mit Käse ist genau das richtige nach einem anstrengenden Biketag.

Es war super mit euch Jungs, eine Bikebergsteigertour ganz nach meinem Gusto, da bin ich jederzeit gerne wieder dabei. Ein Dankeschön auch an Rotscher, der die Inspiration zu dieser Tour lieferte. Sein Bericht hatte ich damals auch gelesen, dann aber die Tour irgendwie aus dem Fokus verloren. Da kam der Vorschlag von David wie gerufen und auch wenn es wieder einmal ein sehr langer Tag wurde, war er tausendmal besser als die Relaxvariante zu Hause im Liegestuhl.
 

5 Comments

  1. Jean-Pierre FLÜCKIGER sagt:

    Tolle Tour, super Berricht, danke👏
    Sehr schmackhaft erzählt (wie das CBB) 👍
    Werde diese Tour für nächsten Sommer Planen ☀️

    • Sven sagt:

      Hoi Jean-Pierre, freut mich wenn dir der Bericht gefällt und möchte den Dank gleich an Rotscher und Etienne weiterreichen. Wünsche dir viel Spass wenn du die Tour unter die Räder nimmst und mit dem richtigen Timing klappt es vieleicht sogar mit dem CBB 😉

  2. ROTSCHER sagt:

    Schon beim Lesen vom Text und dem Bilder gucken kommt das grosse Grinsen. Die Tour ist wirklich super, habe sie noch voll präsent in meinen Gedanken. Das sind eben die Touren, welche nicht die Massen anziehen und mit Bikeschleppen verdient werden müssen.
    Das nächste Mal bin ich hoffentlich auch wieder dabei 😉

  3. blackCoffee sagt:

    Schöne Tour – die Variante über Wyssboden scheint viel besser als direkt runter (https://swissbikeblog.blogspot.com/2016/11/ohne-schweiss-kein-preis-giw-heidasuone.html)
    Freut mich auch, dass David wieder biken kann.

  4. David sagt:

    Wow, das ging schnell – und wieder ein super Bericht von einer super Tour! Toll, wieder auf den hochalpinen Trails unterwegs zu sein mit euch!

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