Trubelstock

30. September 2020
Lötschenpass
12. August 2020
Bietschhornhütte
14. Oktober 2020
 
Schon etwas länger ist es her seit dem letzten Blogbeitrag hier. Hochtourenzeit halt, die paar wenigen Wochen im Jahr wo die hohen Ziele schneefrei sind wollen genutzt werden und ich war so viel wie möglich unterwegs. Die Ferientage sind nun aufgebraucht und das schöne Sommerwetter hat sich (hoffentlich noch nicht endgültig) verabschiedet. Da bleibt jetzt wieder etwas mehr Zeit, um die vielen Fotos zu sichten und das Erlebte in Worte zu fassen. Zu Beginn meiner Ferien war noch keine stabile Schönwetterlage in Sicht, also machte ich mich mit Maske und Tageskarte bewaffnet auf ins Wallis. Mit einer ganzen Schar maskierter Biker besteige ich in Sierre das Funicolare, welches mir die ersten Höhenmeter abnimmt. Während die anderen Biker die nächste Bahn zum Plain-Morte Gletscher nehmen, pedaliere ich gemütlich zur Geisterstadt Aminona und von dort aus weiter in Richtung Cave du Sex. Hier war ich vor vier Jahren das letzte Mal, als ich während des Indian-Summers die Tour zur Varneralp fuhr. Heute visiere ich aber ein höheres Ziel an, welches hinter dem Kreuz in den Wolken schon erkennbar ist.
 
 
Auf der Brücke überquere ich die Tièche und passiere zwei Alpen, an Fahren ist mittlerweile nicht mehr zu denken, schiebend und tragend geht es aufwärts dem Sattel neben dem Nuseyhorn zu. Die Gegend mit ihren steilen Felswänden und zahlreichen Wasserfällen ist wunderschön, darum bin ich wohl auch nicht der einzige, der von der Hitze im Tal hierher geflohen ist. Oben auf dem Sattel angekommen lege ich eine kurze Verschnaufpause ein und kann schon einen ersten Blick auf den weiteren Weg erhaschen, welcher sich unterhalb des Nuseyhorns durch den gerölligen Steilhang zieht.
 
 
Einzelne Wolkenfetzen wabern immer wieder über die Gipfel und dazwischen die Wanderer als kleine Punkte auf dem Grat. Nachdem ich das markante Nuseyhorn auf dem schmalen Pfad umgangen habe, treffe ich auf ein Blocksteinfeld. In bester Ibexmanier meistere ich auch dies und stehe schon bald vor dem Gipfelaufbau. Jetzt ist es nicht mehr weit, im Zickzack führt der Weg hinauf zum Holzkreuz und während ich schnaufend mein Zweirad nach oben schleppe, lassen die Sprüche der Wanderer natürlich nicht lange auf sich warten.
 
 
Für einen waschechten 3000er reicht es dem Trubelstock um läppische 2 Meter nicht, dem Gipfelfeeling tut dies aber keinen Abbruch und der erste richtig hohe Gipfel der Saison ist immer etwas Spezielles. Mit so vielen Leuten habe ich auf diesem eher unbekannten Gipfel nicht gerechnet, jede Altersgruppe ist vertreten und der Mindestabstand wird auf der begrenzten Fläche natürlich nicht eingehalten. Dies kümmert hier aber niemanden, die ganzen unsinnigen Einschränkungen sind weit weg und man geniesst gemeinsam die Freiheit in der schönen Bergwelt.
 
 
Das Panorama ist super, auch wenn die meisten 4000er sich in den Wolken verstecken. In Richtung Nordost fällt der Blick zuerst auf das gegenüberliegende Schwarzhorn und dahinter versteckt sich in den Wolken das Balmhorn, welchem ich vor kurzem bei meiner Tour über den Lötschenpass ganz nahe war. Gegenüber hoch über Leukerbad kann ich das Torrenthorn und einen weiteren Gipfel ausmachen, wo ich mit dem Bike auch schon oben war. Auf der anderen Seite glitzert weiss der Plain-Morte Gletscher und darüber erhebt sich der Wildstrubel, meine letztjährige Challenge im Dauerbikeschleppen.
 
 
Plötzlich schauen alle nach oben, ein grosser Vogel dreht lautlos über uns seine Runden. Leider bin ich in der Ornithologie nicht so bewandert, könnte mir aber gut vorstellen, dass es einer der Bartgeier ist, welche an der Gemmi nisten. Als Aasfresser ist er wohl auf der Suche nach abgestürzten Tieren oder Bikern, deren Knochen er aus grosser Höhe auf die Felsen fallen lässt, um sie danach zu verspeisen. Auch wenn mir einer der Wandere bei Aufstieg anderes prophezeite, habe ich nicht vor als Geierfutter zu enden und starte vorsichtig in die steile Abfahrt.
 
 
Der Gipfelhang ist zu grossen Teilen fahrbar, genauso wie ich es liebe, über enge Kehren führt der Pfad auf das kleine Plateau hinunter. Dann folgt Schottersurfen vom feinsten, mit Blick auf den Plain-Morte Gletscher und den Wildstrubel pflüge ich durch das lose Gestein, bis ich wieder vor dem Blocksteinfeld stehe. Die kurze Kraxelpartie habe ich schnell hinter mich gebracht und schon geht es unter dem Nuseyhorn hindurch zurück zum Sattel.
 
 
Nochmals ein letzter Blick zurück und dann kann mich nichts mehr halten, der Blick nach unten verspricht jede Menge Spass. Darum endet hier auch die Bildstrecke, der Trail ist einfach zu gut um ständig anzuhalten. Bis zu den beiden Alpen ist von allem etwas dabei und der Spass ist danach noch lange nicht vorbei. Unterhalb der Varneralp führt ein genialer Trail durch den staubtrockenen Wald ins Rhonetal und mit jedem Tiefenmeter wird es heisser.
 
 
Als ich in Leuk den Zug besteigen möchte, grüsst mich plötzlich ein aussteigender Biker. Es ist Michi, den ich schon länger aus der virtuellen Welt kenne. Ein kurzes Händeschütteln muss aber reichen, denn mein Zug nach Visp fährt los. Dort decke ich mich mit Bier und Chips ein, in der Hoffnung, so die Heimfahrt unmaskiert hinter mich bringen zu können. Aber da habe ich die Rechnung ohne die Bahnpolizei gemacht, ich werde darauf hingewiesen, dass ich die Maske nur kurzzeitig zwecks Zuführung von Bier oder Chips herunterziehen dürfe. Nichtsdestotrotz war dies heute ein super Start in die Ferien mit einem schönen Panoramagipfel, von mir aus kann es die nächsten Wochen ruhig so weitergehen.
 

11 Comments

  1. Michi sagt:

    Ja das war eine Überraschung. Ich kam mit dem Zug aus Sierre und sah bei der Einfahrt in den Bahnhof Leuk ein grün glitzerndes Velo und einen bunten Biker auf dem Bahnsteig. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich den Halbmondbiker erkannte. Er kannte mich ja nur online vom Gedankenaustausch, wusste aber nicht, wie ich aussehe, und konnte vor allem nicht damit rechnen, dass ich da aus dem Zug steige. Beim Aus- und Einstieg blieben kaum drei Sekunden Zeit für Begrüssung und Vorstellung und Abschied in dem Gedränge von vermutlich 100 Reisenden. Aber ein ausführlicheres Treffen haben wir dann nachgeholt.

  2. Hans sagt:

    Wieder ein super Bericht mit ganz tollen Fotos. Du Bewegst dich dort oben mit deinem Bike in Deiner eigenen Welt. Unglaublich, was man alles noch fahren kann in diesem Hochgebirge.

  3. blackCoffee sagt:

    Bunte Hunde werden trotz Maske erkannt? Ein Glück dass die Bahnpolizei für Ordnung sorgt…;-)
    Spass beiseite: Super Bericht (saved my day)..

  4. ROTSCHER sagt:

    Genau, dieser Gipfel steht auch auf meiner Liste 😁 … vielleicht in einer etwas anderen Streckenführung. Aber entscheidend ist ja der Gipfel 👍
    Auch wenn 2 Meter zur magischen Grenze fehlen, dieses Jahr wird die Gipfelsaison wohl schon zu Ende sein. Der mehrmalige frühe Schnee wird sich auf dieser Höhe nicht mehr verabschieden.
    Danke für den tollen Gipfelbeitrag 😉

    • Sven sagt:

      Ja die Saison der hohen Gipfel wurde heuer abrupt früh beendet, dabei habe ich mich so auf einen schönen, langen und schneefreien Herbst gefreut 😭 ein verrücktes Jahr.

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