Coazhütte mal anders

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Dritter und leider schon wieder letzter Tag in Pontresina, heute möchte ich nochmals einen Versuch zur Chamanna Coaz starten. Bereits im letzten Jahr bin ich zu der nach dem Erstbesteiger des Piz Bernina benannten Hütte aufgebrochen, wurde aber auf der Fuorcla Surlej durch herannahende Regenschauer ausgebremst. Da auch heute auf den Abend wieder Niederschläge angekündigt sind, möchte ich kein Risiko eingehen und wähle die Direktvariante anstelle des langen Umweges über die Fuorcla Surlej. Nach einem Frühstück mit reichlich knusprigem Bacon schwinge ich mich aufs Bike und starte in Richtung Rosegtal. Die ersten paar Kilometer sind ideal um die müden Beine auf Betriebstemperatur zu bringen, in bester Slalommanier schlängle ich mich auf der Naturstrasse zwischen den Pferdegespannen hindurch und erreich schon bald das Hotel Roseg. Hier ist die Strasse zu Ende und der erste Trail erwartet mich, da lacht das Herz, Piz Roseg und Vadret da Roseg in der Morgensonne sind einfach traumhaft schön anzuschauen.
 
 
Bis zu den mächtigen Seitenmoränen des Tschiervagletschers ist der grösste Teil noch fahrbar, dann aber wandert das Bike schon zum ersten Mal auf die Schultern. Bei ihrem Rückzug haben die Gletscher mannshohe Gesteinsbrocken hinterlassen, zwischen welchen sich der Weg hindurchschlängelt. Ich kann mich nur wiederholen, auch hier ist die Kulisse einmal mehr paradiesisch. Die Abgeschiedenheit, die Ruhe, ringsherum Gletscher und vor mir der Lej da Vadret, schöner könnte der Biketag nicht beginnen.
 
 
Der Lej da Vadret, welcher von Roseggletscher gespiesen wird, bildet den Abschluss des Tales und zugleich auch das Ende des gemütlichen Teiles der heutigen Tour. Etwas oberhalb des Seespiegels kann man den Eingang zur einer der Eisgrotten erkennen, welche im Winter ein (wenn auch nicht ganz ungefährliches) Erlebnis sondergleichen sein müssen. Direttissimamässig geht es jetzt den Steilhang hinauf, ein Weg ist nicht mehr wirklich vorhanden, dafür umso mehr Steine, über welche ich mit dem Bike auf dem Rücken nach oben klettere.
 
 
Ich bin froh die Direktvariante gewählt zu haben, anstelle des fahrbaren Weges durch das alles andere als schöne Skigebiet zur Fuorcla Surlej. Der Tiefblick auf den Lej da Vadret entschädigt allemal für die Strapazen und so wird aus dem Ride-Türchen doch noch eine veritable Bikebergsteigertour. Die Vorstellung, dass der Gletscher einst bis hier hinauf zu meinem Standort reichte ist beeindruckend. Heute ist davon nicht mehr viel übrig und schon bald werden wohl auch die letzten Reste verschwunden sein.
 
 
Etwa 500 Höhenmeter über dem Seespiegel treffe ich auf den Wanderweg, wo die Originalroute aus dem Ride durchführen würde. Jetzt ist es nicht mehr weit und ich kann die Hütte schon sehen, welche dort auf einem Felsvorsprung thront. Da es leicht abwärtsgeht, kann ich mich in den Sattel schwingen und den grössten Teil des restlichen Weges fahrend zurücklegen. Die Lage der Hütte ist phantastisch, umgeben von Eis klebt sie am Fels und fügt sich wunderbar in das Landschaftsbild ein.
 
 
Die heutige Coazhütte wurde 1964 erbaut und trägt die Handschrift von Jakob Eschenmoser, dem bedeutendsten Architekten von SAC-Hütten des vergangenen Jahrhunderts. Die schneckenförmig polygonalen Grundrisse bieten mehr Platz und die Hütten konnten so kleiner gebaut werden, als jene mit rechteckigem Grundriss. Mit natürlichen Materialien und geschickter Gestaltung versuchte er die Hütten möglichst gut in die Landschaft zu integrieren, was ihm meiner Meinung nach hier sehr gut gelang und woran sich Architekten von heutig modernen Hütten ein Beispiel nehmen könnten.
 
 
In der Hütte genehmige ich mir eine feine Bündner Gerstensuppe und komme mit Silvia und Ralph vom SAC Rätia ins Gespräch, welche hier sind um den Umbau der Hütte zu besprechen. Die Aussicht ist super und ich kann durch das ganze Rosegtal bis nach Pontresina hervorschauen. Neben der Terrasse geht es in direkter Falllinie hinunter ins Gletscherbett und gegenüber ergiesst sich das Schmelzwasser über die glattgeschliffenen Felsen, das Plätzchen hier oben ist schon etwas Spezielles.
 
 
Konnte ich am Morgen den Piz Roseg noch vor blauem Himmel bestaunen, so ist er jetzt durch Wolken verhüllt und es ziehen immer mehr davon auf. Höchste Zeit mich auf den Weg zu machen, da ich hier oben nur ungern vom Regen überrascht werden möchte. Ich verabschiede mich von den Hüttenwarten, schnappe mir mein grünes Fröschchen und fahre los, durch den steinigen Gletschergarten geht es auf dem gleichen Weg retour.
 
 
Vorne bei der Weggabelung werfe ich nochmals einen Blick zurück. Endzeitstimmung, die Szenerie ist spektakulär und dramatisch zugleich, dunkle Wolken ziehen über die Fuorcla da la Sella herein, während die letzten Sonnenstrahlen die Coazhütte ausleuchten. Auf dem ersten Teil des folgenden Weges kommt dann auch nur wenig Fahrfreude auf, er steigt leicht an und ist gespickt mit Steinen, da schiebe ich lieber.
 
 
Der höchste Punkt ist erreicht, jetzt geht es mit den Regenwolken im Rücken nur noch abwärts. Im Hintergrund sieht man den Sella-, Roseg- und Chapütschin-Gletscher, welche einst zu einem grossen Eisstrom zusammenflossen. Zu meiner Rechten taucht wenig später der Tschiervagletscher mit seinen mächtigen Seitenmoränen auf. Während der kleine Eiszeit vereinigte sich dieser mit dem Roseggletscher und die Gletscherzunge reichte bis in die Nähe des heutigen Hotel Roseg.
 
 
Plötzlich kommen mir zwei Wandere entgegen, welche sich auf dem Aufstieg zur Coazhütte befinden. Im Anbetracht der dunklen Wolken bin ich froh in der Gegenrichtung unterwegs zu sein. Nach dem überqueren des Baches beginnt der Spass so richtig, der beste Trail des Tages führt mich zurück hinunter zum Talboden. Anfänglich noch verspielt flowig, wandelt er langsam seinen Charakter und überrascht unten im Wald mit ein paar technischen Leckerbissen. Kurz nach der Alp Ota fallen dann auch schon die ersten Tropfen und ich beeile mich, denn auf nasse Wurzeln und Steine habe ich keine Lust.
 
 
Fast trocken erreiche ich das Hotel Roseg, wo ich kurz anhalte um die Regenjacke über zu streife. Auf dem Rückweg nach Pontresina gebe ich Gas und versuche dem Regen zu entfliehen, der sich zum Glück in Grenzen hält. Ganz im Gegensatz zu weiter hinten im Tal, dort scheint es kräftig zu schütten und ich bin in Gedanken bei Silvia und Ralph, die jetzt da wohl gerade irgendwo zwischen der Coazhütte und der Fuorcla Surlej unterwegs sind. Als ich in Pontresina einrolle ist alles klitschnass, auch hier scheint es heftiger geregnet zu haben. Genau so war es schon im letzten Jahr, gute habe ich heute die Direktvariante gewählt und somit dem Regen ein Schnäppchen geschlagen. Im Wellnessbereich des Hotels wärme ich mich anschliessend auf, bevor es das letzte Mal zum abendliche Schlemmen geht.
 
 
Am Morgen darauf dann das böse Erwachen -Wintereinbruch- dort wie ich gestern noch unterwegs war, ist jetzt alles unter einer weissen Schneedecke begraben. Da hatte ich ja ein gutes Händchen mit dem Timing, die drei besten Tage erwischt und drei super Touren gefahren, besser geht es kaum. Der Slogan "Ferien unter Freunden" traf hier im Hotel Rosatsch wieder einmal voll und ganz zu und ich komme nächstes Jahr bestimmt wieder, da es noch das einte oder andere Projekt hat, das ich gerne unter die Räder nehmen möchte. Über den verschneiten Albulapass geht es anschliessend wieder zurück in Richtung Heimat. Die Kühe auf den verschneiten Alpwiesen gucken etwa gleich blöd aus der Wäsche wie ich, als ich morgens aus dem Fenster schaute und alles weiss war.
 

4 Comments

  1. Spoony sagt:

    Hoi Sven, wieder mal ein wunderbarer Bericht aus dem Graubünden. Ich bin ja Gletscherfan, werde aber fahrtechnisch von dieser Tour etwas abgeschreckt. Beim Lesen deines Beitrages kommt trotzdem Lust auf, auf einen Bike&Hike. Mit dem Hotel hast du ja die beste Variante gewählt. Das Rosatsch hatte ich schon mehrmals auf der Shortlist, ist dann aber jeweils am Preis gescheitert. Grüsse

    • Sven sagt:

      Hoi Urs, da die Tour nicht unbedingt von den Trails sondern von der grandiosen Landschaft lebt, bietet sie sich sehr gut als Bike&Hike an. Vom Fahrspass her wirklich lohnenswert ist eigentlich nur der Teil zwischen P.2519 und P.2018

      Das ist der kleine Luxus den ich mir hi und da gerne gönne, andere fliegen ans Ende der Welt und ich lasse mich halt lieber in den heimischen Bergen verwöhnen 😀

  2. Ralph und Silvia sagt:

    Hoi Sven, dein Bericht von der Tour zur Coazhütte ist wiederum sensationell mit genialen und wunderschönen Bildern, wie auch alle anderen Berichte auf deiner Homepage und lässt auch unsere Biker/Bergsteiger/Skitouren-Herzen höherschlagen. Auf dem Rückweg zur Bergbahn, als die ersten schweren Regentropfen fielen, waren wir in Gedanken bei dir und fragten uns, ob du noch trocken das schützende Dach erreichen konntest.

    Bezüglich Land und Unterkunft teilen wir deine Ansicht voll, denn auch wir verbringen unsere Ferien ausschliesslich in unserer Heimat, wo es so unendlich viel Schönes aus eigener Muskelkraft zu entdecken und erleben gilt, der Umwelt zuliebe, zum Slow down und damit einfach zum Geniessen.

    Weiterhin wunderschöne Erlebnisse und herzliche Grüsse Ralph und Silvia

    • Sven sagt:

      Ja, da hatte ich betreffend Regen etwas mehr Glück als ihr und bin noch fast trocken zurück ins Hotel gekommen.

      Wir ticken da so ziemlich gleich, auch für mich gibt es nichts schöneres als die Ferien aktiv in der schönen Bergwelt zu verbringen. Die negativen Aspekte des masslosen globalen Reisens werden uns ja aktuell gerade vor Augen geführt 🙄

      Ich wünsche auch Euch weiterhin viele schöne Stunden im Wunderland Schweiz.

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