Another Day in Paradise

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28. Februar 2020
 
Zurück zur Sommerberichtserstattung, wir befinden uns immer noch in Pontresina und es erwartet mich ein weiterer Tag im Paradies. Nach dem Engadiner Mittagskogel am Vortag geht es heute in die andere Richtung. Die Nacht war klar und dementsprechend tief sind am Morgen die Temperaturen. Ich fahre dem Inn entlang nach La Punt und komme im kurzen Sommertenue ganz schön ins Frösteln, der Veloweg verläuft im Schatten und ringsherum ist alles weiss vom Bodenfrost. Wie schon im letzten Jahr auf meiner Tour zu den Bündner Wappentieren, biege ich auch heute wieder ab in das urtümliche Seitental. Während ich dem Bach in das Tal hinein folge wird mir schnell warm, es geht stetig aufwärts und ich halte Ausschau nach dem hier ansässigen Bartgeierpaar. Leider bekomme ich aber auch heute den grössten heimischen Greifvogel nicht zu Gesicht.
 
 
Schon bald habe ich das Haus Serlas erreicht, hier habe ich im letzten Jahr die Brücke überquert und bin in das Nebental hineingefahren. Heute folge ich dem breiten Tal weiter bis zur letzten Alp, wo ich in das nächste Nebental abbiege. Mit den Alpgebäuden habe ich zugleich auch das Ende des fahrbaren Teiles erreicht und stärke mich nochmals mit einem Riegel, bevor es schiebend und tragend weitergeht. Das schmale Nebental ist auf beiden Seiten gesäumt von steilen Abhängen und neben dem Weg gluckert der Bach, hier fernab der Zivilisation gefällt es mir.
 
 
War anfänglich noch ein Pfad erkennbar, wird es schon bald einmal weglos und nur noch ein paar farbige Markierungen auf den Steinen weisen den Weg. Verlaufen kann ich mich aber nicht, im Talgrund ist nur wenig Platz und das Ziel hoch oben gut sichtbar. Über Stock und Stein geht es dem Talende entgegen, wo mich ein sacksteiler Aufstieg erwartet. Im Zickzack kämpfe ich mich über die letzten spärlichen Grasreste den Abhang hinauf.
 
 
Nur noch eine letzte Geröllhalde trennt mich von der Fuorcla und dann ist er wieder da, einer dieser unbeschreiblichen Momente, wenn man einen Passübergang erreicht und sich einem plötzlich der Blick in eine völlig neue Welt eröffnet. Die weiss strahlende Berninagruppe liegt vor mir und ich kann aus der Ferne die komplette Tour zur schönen Teufelin nachverfolgen, welche ich im letzten Jahr gefahren bin. Das Plätzchen hier oben ist prädestiniert für eine Pause, ich packe den Proviant aus und geniesse den Blick über das schöne Hochplateau.
 
 
Allzu lang fällt die Pause bei dem riesigen Steinmannli aber nicht aus, denn ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Jetzt kann der Spass beginnen, nach dem kleinen Restschneefeld klicke ich mich in die Pedale ein und lasse die Schwerkraft wirken. Steil und geil, die Abfahrt zum See hinunter ist ganz nach meinem Gusto, zwischen all den Steinen ist eine dezente Wegspur sichtbar, welcher ich folge.
 
 
Schon bald darauf stehe ich unten beim Lej und werfe nochmals einen Blick zurück hinauf zur Fuorcla, wo ich noch vor kurzem in der Sonne sass. Heute gibt es das totale Kontrastprogramm, waren gestern die Ufer der Seen noch dicht bebaut, so befinde ich mich jetzt mitten in der Steinöde ohne jegliche Zivilisationsspuren. Bis zur nächsten Fuorcla ist es nur ein Katzensprung, während der grobe Schotter einmal mehr die Farben wechselt.
 
 
So wie ich jetzt, müssen sich wohl die Besucher auf dem Erdtrabanten gefühlt haben. Durch die Mondlandschaft fahre ich zum nächsten See hinunter und die weiss verschneiten Gipfel der Berninagruppe geben dabei einen wunderbaren Kontrast zum wolkenlosen Himmel ab. Ich halte immer wieder Ausschau nach den Bündner Wappentieren, während ich hier quasi durch ihr Wohnzimmer rolle. Leider bekomme ich heute keinen der Ibexen zu Gesicht, dafür habe ich von hier aus schon die nächste Fuorcla auf der anderen Seeseite im Blick.
 
 
Der zweite See des Tages darf getrost als paradiesisch bezeichnet werden, da lasse ich es mir nicht nehmen und lege am Ufer eine kurze Pause ein. Es kommt fast etwas Strandfeeling auf, auch wenn wir uns auf knapp 2800 Meter über dem Meeresspiegel befinden. Die beiden Seen sind durch eine kleine Furt getrennt und mit etwas Glück kann man sogar Seesaiblinge fangen, welche hier einst ausgesetzt wurden.
 
 
Über die Furt komme ich trockenen Fusses auf die andere Seeseite und nehme die dritte Fuorcla des Tages in Angriff. Oben angekommen treffe ich auf eine ältere Dame, welche nach der Pension vom Flachland hierher ausgewandert ist. Ich setzte mich zu ihr und es ergibt sich ein interessantes Gespräch, die Zeit muss sein. Mit Blick auf den Piz Languard geht es anschliessend abwärts. Ich hatte zuerst mit dem Gedanken gespielt, den markanten Gipfel auch noch anzuhängen. Dafür reicht die Zeit aber nicht mehr und der Piz mit der metallenen Pyramidenspitze muss bis zum nächsten Besuch warten.
 
 
In schönstem Blaugrün leuchtet See Nr.3 unter mir und der Weg zu ihm zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Hier treffe ich auch wieder auf mehr Wandersleut, kein Wunder, denn man kommt recht einfach mit dem Sessellift hoch. Auf der anderen Talseite erwartet mich noch ein letzter kleiner Anstieg, bevor ich schliesslich die Paradieshütte erreiche, welche als Ausflugsziel sehr beliebt und für ihren leckeren Kuchen weitherum bekannt ist.
 
 
Um diese Tageszeit ist der Kuchen leider bereits ausverkauft und ich fahre etwas vor zu den beiden Fahnen, wo man eine wunderbare Aussicht auf das Oberengadin hat. So bekomme ich doch noch ein paar der Wappentiere zu Gesicht, wenn auch nur als Aufdruck auf dem Fahnenstoff. Noch knapp 600 Tiefenmeter habe ich nun vor mir und bei der erstklassigen Sicht auf den Morteratschgletscher fällt es schwer, den Blick auf den Trail gerichtet zu lassen.
 
 
Der Weg nach Pontresina hinunter weiss nochmals zu begeistern. Oben ab noch mit freiem Blick auf das historische Bergsteigerdorf, verschwinde ich schon bald im Wald, wo die restlichen Höhenmeter über zahlreiche Spitzkehren vernichtet werden. Ein Finale wie aus dem Bilderbuch, welches man aber besser nur zu Randzeiten und ausserhalb der Hochsaison unter die Räder nimmt, da stark von Wanderern frequentiert.
 
 
Direkt beim altehrwürdigen Hotel Walther spuckt mich der Trail wieder aus und ein paar Pedalumdrehungen später bin ich zurück in meinem Domizil. Ein weiterer Tag im Paradies geht zu Ende, stielecht im Liegestuhl auf dem Balkon in der Abendsonne mit einem Biera-Alvetern in der Hand. Das Weissbier mit Edelweissaroma aus Tschlin habe ich neu entdeckt und es mundet vorzüglich. Dies war wieder einmal eine Explorertour ganz nach meinem Geschmack, ungewiss was mich erwartet am Morgen losgefahren und den Jackpot gezogen. Die heutige Tour war landschaftlich ein Traum, wie auch die lukullischen Köstlichkeiten, welche Chef Dainius anschliessend aus der Küche hervorzaubert.
 

2 Comments

  1. blackCoffee sagt:

    Hammer – diese Art von Touren sind einmalig..Danke für’s Teilen…

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