Sternstunde

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30. April 2019
 
Es ist immer schwer zu sagen welches die beste Biketour der Saison war, da spielen so viele Faktoren mit. Die Tour an meinem zweiten Tag im Val d'Hérens war aber definitiv eine der, wenn nicht sogar die Sternstunde des letzten Jahres. Die Vorfreude war gross, da ich wusste das dieser Tag etwas ganz Besonderes werden wird. Was dann kam übertraf meine kühnsten Erwartungen, aber beginnen wir von vorne. Ich wache morgens auf und der Raclettekäseklumpen ist zum Glück verdaut, somit ist wieder genug Platz für ein währschaftes Frühstück und dieses werde ich heute auch gebrauchen. Gestärkt und voller Tatendrang setze ich mich ins Auto, denn die Himmelspforte zu den Sternen liegt nicht gleich vor der Haustür. Unten im schattigen Tal ist es um diese Tageszeit noch empfindlich kühl, aber schon bald erreiche ich die ersten Sonnenstrahlen und mit ihnen sind die sommerlichen Temperaturen zurück. Nach einer kurzen Einrollphase auf Asphalt lasse ich das letzte Dorf hinter mir und beginne auf einem Alpsträsschen den Aufstieg. Die Tour ist von Anfang an ein Augenschmaus, mit Blick auf den vereisten Tannenzapfen sind die ersten 400 Höhenmeter ein Klacks und spulen sich fast von selbst ab.
 
 
Heute ist wieder einmal einer dieser unbeschreiblich fast schon kitschigen Tage und die Farben knallen rein wie auf einem Trip. Der Himmel ist knütschblau, als Kontrast dazu die weiss verschneiten Gipfel und die roten Sträucher am Boden. Die Luft ist trocken und klar, die Eindrücke ungefiltert direkt und alles scheint perfekt, schöner könnte es nicht sein.
 
 
Das Strässchen führt weiter bis zur letzten Alp, der gemütliche Teil im Sattel ist somit vorbei. Weiter geht es mit einem Mix aus Schieben und Tragen, die fahrbaren Abschnitte sind rar und die letzten spärlichen Pflänzchen weichen Stein und Geröll. Bei der Querung zur Hütte treffe ich auf ein paar Alpinisten, welche die Rettung im Steilhang üben. Noch ein letzter kleiner Anstieg und ich habe die erste Hälfte des Aufstieges geschafft, Zeit für eine kleine Pause und um etwas Energie nachzutanken.
 
 
Ein erster Blick auf die markanten Nadelspitzen und Kunst am Berg erwartet mich vor der Hütte. Für die meisten Wanderer ist damit der höchste Punkt erreicht, ich möchte aber noch weiter hinauf und kann mein Ziel auf der rechten Seite schon sehen. Waren es weiter unten noch die gesättigten Farben die das Auge erfreuten, sind es hier die Pastelltöne des Gesteins, welche einen wunderschön marmorierten Kontrast zum immer noch wolkenlosen Himmel abgeben.
 
 
Nach dem Überqueren des ehemaligen Gletscherbettes geht es über die Seitenmoräne nach oben und ich freue mich jetzt schon auf den anschliessenden Abwärtsritt. Die roten Nadeln sind zum Greifen nah und darunter ergiesst sich deren Gletscher wie zähflüssiger Honig über die Felsen. Die markante Felsformation ist eine der schönsten im Wallis und endlich kann ich sie einmal aus der Nähe bestaunen.
 
 
Weiter oben biege ich rechts ab und kämpfe mich denn hellschottrigen Abhang hinauf. Beim Blick auf die andere Talseite sticht sofort der weisse Zahn und das Bis-Wisshornduo ins Auge. Die vielen verschiedenfarbigen Gesteinsschichten hier auf kleinstem Raum sind wunderbar, ein geologisches Kunstwerk wie von einem anderen Stern. Dazu passen auch die exotischen Wegmarkierungen, welche ich so noch nie gesehen habe. Waren sie weiter unten noch blau-weiss, sind sie hier oben plötzlich grün-weiss.
 
 
Der nächste Hügel ist fast schwarz und der Trail darüber ein Traum. Kurz darauf stehe ich vor dem Gipfelaufbau und dieser verlangt mir nochmals alles ab, er ist extrem steil und rutschig, ein letzter Kraftakt bevor ich die Sternstunde geniessen kann. Das Panorama ist umwerfend und die Weitsicht einfach genial, ich hätte mir keinen besseren Tag aussuchen können für diese Tour zum Firmament. Alle kann ich sie von hier aus sehen, die Mittagszähne, den Chef der Alpen, die grosse Kombination, den Tannenzapfen und den Eringerzahn mit seinem berühmten Nachbarn.
 
 
Das Bike muss heute auf dem Vorgipfel warten und ich klettere allein zum Steinmannli auf den Hauptgipfel hoch, welcher exponiert wie eine Sternwarte gegen den Himmel ragt. Der höchste Gipfel der Saison und dies bei solchem Kaiserwetter, es weht kein Lüftchen und die Sonne heizt hier auf fast 3400müM ganz schön ein. Ich habe den Gipfel exklusiv für mich und geniesse über eine Stunde das hochalpine Sonnenbad. Später bekomme ich dann noch Gesellschaft von einer netten Wanderin, die wie ich die Ruhe in den Berge sucht.
 
 
Die Aussicht auf 1500 Tiefenmeter feinste Trails macht es etwas leichter, sich von diesem Logenplatz loszureissen. Mit Blick auf die Nadelspitzen pflüge ich durch das Schuttgestein den steilen Gipfelhang hinunter, eine rutschige Angelegenheit und nicht jede Kehre will mir auf Anhieb gelingen. Unten beim kleinen Gletscherseechen ist das Gröbste geschafft, ich entledige mich den Steinen in den Schuhen und sitze wieder auf.
 
 
Jetzt geht der Spass so richtig los, ich könnte Luftsprünge machen und muss schauen dass ich dabei die Bodenhaftung nicht verliere. Über den schwarzen Hügeltrail rausche ich dem Gletschergarten entgegen und folge den grün-weissen Wegmarkierungen durch den hellschottrigen Abhang. Der anschliessende Ritt auf der Gletschermoräne ist der Hammer, wie wenn der Weg für uns Biker angelegt worden wäre, besser geht es kaum.
 
 
Vor ein paar Jahrzehnten noch unter meterdickem Eis begraben, bringt der Klimawandel solch geniale Bikespielplätze zu Tage. So gesehen ja eine tolle Sache, aber längerfristig werden die negativen Aspekte überwiegen und derartige Biketouren im Angesicht der Gletscher werden nur noch in unseren Erinnerungen existieren. Später komme ich wieder zu der Stelle wo ich heute Morgen das Gletscherbett überquert habe. Anstatt auf dem gleichen Weg zurückzufahren, halte ich mich talwärts und es kommt neben dem Weg langsam wieder etwas Farbe ins Spiel.
 
 
Mit schwindender Höhe verändert sich auch der Charakter des Trails. Anfangs noch recht flüssig zu fahren, wird es über die Alpwiesen wieder etwas anspruchsvoller. Die Abfahrt ist schier endlos lang, extrem vielseitig und bietet alles was das Bikerherz begehrt. Das nächste Schmankerl ist der blaue See, welcher von oben im schönsten Blaugrün schimmert und sich aus der Nähe glasklar präsentiert. Nach den Alphütten tauche ich in den Wald ein und zum Abschluss gibt es noch einen mit Wurzeln gespickten Wanderweg, dann ist das ganze Pulver verschossen.
 
 
Ich lade das Bike wieder ins Auto und fahre in die Ferienwohnung zurück. Bei einem Sierrvoise lasse ich auf dem Liegestuhl das Erlebte nochmals Revue passieren, was für ein Tag. Ich habe nach den Sternen gegriffen und dabei die ganze Milchstrasse erwischt, ein Volltreffer und das Beste was ich seit langem gefahren bin. Wie ich diesen aussergewöhnlichen Tag abends ausklingen lasse, könnt ihr euch sicher denken. Natürlich mit einem feinen Singlemalt und dem richtigen Soundtrack auf dem Balkon unter dem Sternenhimmel, das Erstlingswerk meiner Lieblingsband mit Interstellar-Overdrive passt da heute wie die berühmte Faust aufs Auge.
 

10 Comments

  1. Ventoux sagt:

    Unglaublich was unsere Berge so leisten, insbesondere das Wallis. Da gibt es feinste Trails, die nicht mal auf den Wanderkarten eingezeichnet sind, geschweige denn in grösseren Bikekreisen bekannt sind. Es lohnt sich defintiv ein bisschen zu recherchieren und nicht immer nur die “ausgelutschten” Routen zu machen. Alles weitere erübrigt sich, bei diesen Bildern bleibt nur Staunen, Geniessen und vielleicht mal nachfahren…

  2. blackCoffee sagt:

    Wow, ganz grosses Kino!
    Solche Touren wecken die grosse Sensucht nach dem einzigartigen. Wenn alles so passt wie bei Dir, ist das Glücksgefühl perfekt..

  3. IBEX73 sagt:

    Salü Junior,ich schätze mal,damit ist meine Ticino-Fahrkunst-Überdosis wieder wett gemacht oder? Da wäre ich zu gerne mit dabei gewesen…. Im Pano sieht man sogar unseren Zahn….cool!
    (und weitere Gipfel für Dich….)

  4. ROTSCHER sagt:

    Ola, was für ein genialer Gipfeltag … einfach Bilder zum geniessen. Der Steinhaufen ist natürlich vorgemerkt 🙂
    Die Abfahrt auf der Aufstiegsstrecke, wieder an der Hütte vorbei, wäre sicher auch nicht schlecht. Aber immer schön, wenn es noch andere Wege gibt als jene vom Morgen.
    Danke für die Inspirationen !

    • Sven sagt:

      Das geniale an der Abfahrt ist, dass sie schier endlos lang und durchgehend fahrbar ist. Da kann die Variante auf der Aufstiegsseite an der Hütte vorbei nicht ganz mithalten und Du würdest auch den schönen blauen See verpassen 😉

  5. Simon sagt:

    Einfach wahnsinnig schön deine Blog-Einträge zu Verfolgen! Super Bilder und super Texte. Ich muss dann immer auf diverse Map-Sites gehen, um nach voll ziehen zu können wo du gefahren bist 😉

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