
Viva Engiadina
30. Januar 2026Fionnay und das Val de Bagnes habe ich spätestens seit unserem letzten Aufenthalt in mein Herz geschlossen, als wir beim Col des Otanes auf ein ganzes Rudel Steinböcke trafen. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass es mich diesen Sommer erneut ins Baniental zurückzieht. Ich werde von der Familie Bellwald freundlich empfangen, an die beiden verrückten Biker können sie sich noch gut erinnern. Diesmal bekomme ich ein Zimmer im geschichtsträchtigen Chalet Le Bouquetin, aber dazu später mehr.
Der markante Wasserfall, der sich über 300 Meter in die Tiefe stürzt, lässt sich per Knopfdruck ein- und ausschalten. Mit dem aufkommenden Tourismus im späten 19. Jahrhundert wollte man Fionnay als Kurort aufwerten und leitete darum einen Bergbach um, damit das Wasser spektakulär in die Tiefe stürzt. Während der Belle-Epoque war Fionnay ein bedeutender Luftkurort und Hauptanziehungspunkt im Val de Bagnes. Aber nachdem die Bauarbeiter der Staumauer zum Ende der 50er Jahre das Tal wieder verliessen, wurden die meisten alten Hotels abgerissen und heute leben nur noch knapp 30 Einwohner in dem kleinen Weiler.
Am ersten Tag möchte ich dem Lac de Louvie einen Besuch abstatten. Da ich aber nicht auf dem gleichen Weg aufsteigen und wieder hinunterfahren mag, wähle ich eine alternative Aufstiegsroute über den Col du Bec d'Aigle. Neben dem Wasserfall geht es das steile Couloir hinauf, bis ich die Alpage de Sovereu erreiche. Der junge Alp-Hirt ist cool drauf und auch die zahlreichen Tiere scheinen sich hier pudelwohl zu fühlen. Mit Blick auf das Combin-Massiv geht es weiter dem Passübergang zu, wo ich die wohlverdiente Mittagspause einlege.
Aus dieser traumhaft schönen Perspektive bekommen die meisten Wanderer den Lac de Louvie nie zu Gesicht, da sie nur bis zur Hütte hochlaufen. In der Ferne funkeln weiss die Gipfel des Grand Combin und ich kann von hier aus auch den Col des Otanes ausmachen, wo wir letztes Jahr unterwegs waren. Die Abfahrt zum See hinunter macht Spass, ist aber leider nicht durchgehend fahrbar. Unten angekommen umrunde ich den See und kehre auf einen kühlen Eistee in der Cabane de Louvie ein, denn die Abfahrt wird heiss.
Was nun folgt ist schlichtweg der Hammer, über 800 Tiefenmeter und unzählige Kehren schlängelt sich der Weg nach Fionnay hinunter. Bis auf einzelne Stellen ist alles fahrbar, da juchzt das Bikerherz. Aber ich befinde mich hier auf Trailrunner-Territorium und ernte trotz freundlichem zur Seite stehen nicht nur nette Kommentare. Darum rate ich dazu den Weg nicht in der Hauptsaison und nur an Randzeiten zu befahren, da es sonst für alle Beteiligten keinen Spass macht.
Zum Abendessen bestell ich mir heute das excellente Tatar-Alpin mit Wildkräutern aus der Region. Man merkt, dass hier im Le Mazot mit viel Liebe gekocht wird und das Restaurant ist bis auf den letzten Platz ausgebucht.
Am zweiten Tag nehme ich den Bus bis zur Staumauer und pedaliere von da aus dem Lac de Mauvoisin entlang bis zu dessen Ende. Ich folge weiter dem Alpsträsschen, welches mich zur Cabane de Chanrion bringt. Von hier aus habe ich einen super Blick hinüber zum Fenêtre de Durand und zum Aprilberg, wo ich auch schon war. Nun trennt mich nur noch ein letzter steiler Aufstieg vom Col de Tsofeiret, welcher den heutigen Kulminationspunkt darstellt.
Während ich auf dem Pass sitze und zum gleichnamigen See hinter schaue, kommt plötzlich ein Biker von weiter oben angerauscht. So flott wie der da die ausgesetzten Kehren und Treppenstufen auf dem Pass nimmt, muss es fast ein Local sein. Etwas gemächlicher mach ich mich dann hoch über dem Stausee auf den Weg. Die Aussicht ist wunderbar, aber Flow will nicht so richtig aufkommen und darum werde ich wohl beim nächsten Mal dem Local folgen und die Tour in der Gegenrichtung unter die Räder nehmen.
Am letzten Tag geht es erneut mit dem Bus zur Staumauer und dann auf dem gleichen Pfad in Richtung Col des Otanes, wie schon letztes Jahr mit Rotscher. Heute steige ich aber nur bis zu dem prächtigen Panoramafelsbrocken auf, wo ich es mir in der Sonne gemütlich mache. Das Plätzchen ist Spitzenklasse, wie eine Terrasse hoch über Mauvoisin. Von hier aus kann man auch gut erkennen, wie die höchste Bogenstaumauer Europas perfekt mit Präzision an der engsten Stelle zwischen den Felsen errichtet wurde.
Nach einer ausgiebigen Rast fahre ich zuerst ein Stückchen auf meiner Aufstiegsroute zurück, bevor ich mich bei La Tseumette in die Tiefe stürze. Die Abfahrt nach Bonatchiesse wollte ich schon lange einmal ausprobieren und sie ist ein Volltreffer. Im Wald kurz vor Fionnay stehe ich dann plötzlich vor dieser Bouldergrotte. Der Fels ist einfach traumhaft schön und ich würde mich am liebsten auch gerade daran festkrallen, aber leider habe ich meine Kletterfinken nicht dabei.
Am letzten Abend wäre das Le Mazot eigentlich saisonbedingt geschlossen, wie schon am Vorabend. Da ich aber gestern von den Speisen im benachbarten Restaurant Grand-Combin masslos enttäuscht war, öffnet Christophe Bellwald extra für mich und kocht mir etwas Feines. Dies ist nicht selbstverständlich, aber die Bellwalds sind mit ganzem Herzen Gastgeber und dies merkt man. Nicht nur die Küche mundet vorzüglich, sondern auch die Zimmer in den beiden Chalets sind mit viel Herzblut und Liebe zum Detail renoviert worden. Bei einem Glas Wein kommen wir ins Plaudern und da erzählt mir Christophe diese schier unglaubliche Geschichte, welche mich tief berührt.
Nachdem 1809 im Wallis der letzte Steinbock geschossen wurde, waren die majestätischen Tiere in der der Schweiz leider ausgerottet. Basile, der Grossvater von Christophe Bellwald, war in den 30er Jahren einer deren, die noch vor dem Bau der Staumauer regelmässig von Fionnay aus ins nahe Aostatal wanderten, um dort im Gran-Paradiso Nationalpark junge Steinbockkitze zu stibitzen. Daheim im Stall wurden dann die jungen Steinböcke über den Winter aufgezogen und anschliessend ausgewildert. Darum trägt das Chalet, wo sich im Erdgeschoss einst dieser Stall befand auch den Namen Le Bouquetin. Ich durfte also die letzten Tage genau dort logieren, wo Basile lebte und wirkte. Ihm haben wir es unter anderem zu verdanken, dass es hier heute wieder so eine grosse Steinbockkolonie gibt. Darum hängt auch heute noch ein Foto im Restaurant, welches ihn mit einem jungen Steinbockkitz zeigt.



















