Weg zur Freiheit

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Weg zur Freiheit, so heisst der Themenwanderweg auf das Oberrothorn und genau diesen möchte ich an meinem letzten Tag in Zermatt unter die Räder nehmen. Auch heute erkaufe ich mir die ersten Höhenmeter mit einem Ticket. Die drei Bahnen bringen mich gemütlich auf das Unterrothorn, wo mich auf 3000müM strahlendblauer Himmel und Sonnenschein empfängt. Von hier aus sieht das Oberrothorn gegenüber wie ein grosser Schutthaufen aus, welchen es mit dem Bike zu bezwingen gilt. Ich geniesse noch etwas die Aussicht und mache mich dann an die kurze Abfahrt zum Furggji runter, dem Sattel zwischen den beiden Rothörnern. Der nun folgende Weg auf das Oberrothorn ist wenig spektakulär. Nicht umsonst wird er als höchster Wanderweg Europas angepriesen, er ist gut ausgebaut und man könnte ihn wohl auch in Sneakers begehen.
 
 
Nichtsdestotrotz, die Aussicht ist super und beim Aufstieg passiert man fünf Stationen mit naturphilosophische Gedanken, von der mineralischen Welt bis zum spirituellen Sein. Mir gefallen dabei vor allem die farbigen Glasaugen, sie erinnern mich sofort an das Cover von P·U·L·S·E und geben mit den verschneiten Gipfeln im Hintergrund ein wunderbares Fotosujet ab. Eine knappe Stunde später habe ich die 400 Höhenmeter bewältigt und stehe auf dem Gipfel, wo sich auch die fünfte Station des Themenweges mit dem roten Auge befindet.
 
 
Wo man so leicht auf über 3400müM kommt, bin ich natürlich an solch einem schönen Tag nicht allein und teile das Freiheitsgefühl mit den anwesenden Wanderern. Es sind auch zwei Holländer darunter, für sie muss dieses Gefühl noch viel ausgeprägter sein, misst ihr höchster Berg doch gerade mal ein Zehntel dieses Gipfels. Hier oben verbindet man sich bewusst mit den sechs Himmelsrichtungen und eine siebte offenbart sich einem, die Richtung nach innen. Diese schöne Umschreibung entstammt nicht meiner Feder, beschreibt aber recht gut, was ich auf den Hochtouren zu einsamen Gipfel jeweils empfinde.
 
 
Das Panorama ist auch von hier aus wieder erste Klasse, ich kann auf die beiden Touren der vergangenen Tage gucken und bekomme all die Berge nochmals aus einer anderen Perspektive zu Gesicht. Gegen Westen schweift der Blick vom Horu über die markanten Nachbarn Dent Blanche und Obergabelhorn, weiter das Zinalrothorn mit dem Platt- und Mettelhorn davor und schlussendlich ganz rechts noch das mächtige Weisshorn.
 
 
Auf der anderen Seite prägt die Farbe Weiss das Bild, Rimpfisch- Strahl- und Adlerhorn stehen mit ihren verschneiten Gipfeln quasi direkt vor mir. Daneben fliesst der Findelgletscher talwärts und hinter dem Gornergrat reihen sich die ganz Grossen auf. Nordend und Dufourspitze, der menschenfressende Liskamm, Castor, Pollux und die Breithorngipfel, sie alle strahlen um die Wette und auch ich strahle, es gibt kaum was besseres als hier oben bei dieser eindrückliche Rundumsicht in der Sonne zu sitzen.
 
 
Für ein Gipfelschläfchen ist leider trotz Ferien keine Zeit, ich habe noch eine Zusatzschlaufe auf dem Programm und mache mich darum nach einer guten halben Stunde schon wieder an die Abfahrt. Diese stellt keine allzu grossen Anforderungen im Vergleich zu dem was ich sonst auf dieser Höhe so gewohnt bin, macht aber trotzdem Spass, wie sollte es auch anders sein vor dieser Traumkulisse. Eine Schlüsselstelle hat es dann im unteren Teil doch noch, ich hatte sie mir schon im Aufstieg angesehen, sie ist etwas ausgesetzt und mit einem Halteseil gesichert. Ich überlege gar nicht lange und versuch es einfach, mit Erfolg, im Nachhinein war es einfacher als gedacht, reine Kopfsache.
 
 
Mit viel Schwung stosse ich kurz darauf unten beim Furggji wieder auf die breite Piste und setzte meinen Weg fort zur Fluhalphütte. Diesen Teil kenne ich ja schon vom Bike-Mett und freue mich auf den coolen Trail zwischen Roter Bodmen und der Fluhalphütte. Die Hütte mit den roten Fensterläden lasse ich aber heute rechts liegen und fahre weiter der Gletschermoräne entlang in Richtung Zerlauenen. Ich passiere zwei Alphütten und kann weit oben schon mein Ziel den Pfulwe-Sattel erkennen.
 
 
Beim Blick zurück thront das Matterhorn mächtig über der Fluhalphütte und es zieht leider von Westen her je länger desto mehr Bewölkung auf. Der Blick nach vorne ist aber noch sonnig und ich komme an zwei schönen Seechen vorbei, wo sich am Fuss der Gletschermoräne das Wasser sammelt. Auf der Moräne verläuft ein Weg der förmlich nach einer Befahrung schreit, ich empfehle dies aber nur zu Randzeiten, da er stark begangen ist und kaum Ausweichmöglichkeiten vorhanden sind.
 
 
Zum Breitboden hinauf wechselt das Bike auf die Schultern, hier bin wieder alleine unterwegs und ganz in meinem Element. Der Anblick der Gletschermoräne und des Vorfeldes von hier oben ist super, man bekommt einen guten Eindruck von den Kräften eines solchen Eisstroms. Ganz alleine bin ich aber doch nicht, eine Gruppe Gämse ist im Steilhang über mir unterwegs und beäugt diese komische zweibeinige Bergziege mit dem Bike auf dem Rücken genau.
 
 
Auf den letzten 150 Höhenmeter erwartet mich ein einzig grosses Geröllfeld aus grobem Blockgestein. Hier muss bei jedem Schritt genau vorausgeschaut werden und das Klettern mit dem Bike auf dem Rücken ist kräftezerrend. Der Weg ist nicht umsonst blau-weiss markiert, im Gegensatz zum Aufstieg aufs Platthorn am Montag ist dies ein richtiger Alpinwanderweg.
 
 
Endlich habe ich den Pfulwe-Sattel erreicht und schau an, dort steht auf 3154müM ein Bänkchen. Dieses kommt mir wie gerufen, ich brauche dringend eine Pause und etwas zu futtern. Die Spitzi-Flue ragt wie ein gezackter Haufischzahn vor mir in die Höhe, während ich mit dem rechten Auge ins Täschertal und mit dem linken aufs Horu gucken kann. Ich muss gerade wieder an die sechs Himmelsrichtungen und die siebte nach innen denken, dies hier ist meine ganz persönliche Fortsetzung des Weges zur Freiheit.
 
 
Nach einer ausgiebigen Pause geht es auf der anderen Seite wieder hinunter. Für das Auge ein Genuss, sind leider nur die ersten paar Meter fahrbar. Wie schon auf der Aufstiegsseite erwartet mich auch hier ein Feld mit grossen Gesteinsbrocken, welche es zu überwinden gilt. Bis zu dem kleinen Seechen ist an Fahren nicht zu denken und ich schleppe die ersten 100 Höhenmeter das Bike mühsam wieder hinunter.
 
 
Unterhalb des Seechens kann ich mich dann endlich in den Sattel schwingen, es ist wieder ein Weg erkennbar und er ist sogar über weite Teile fahrbar. Hier gefällt es mir, inmitten der steinernen Hinterlassenschaften des Längfluegletschers ganz alleine unterwegs zu sein, das ist Freiheit. Beim Blick nach vorne sticht der (auf dem Foto leider geköpfte) Alphubel mit dem Rotgrat ins Auge, dahinter reihen sich Täschhorn, Kinhorn und die Leiterspitze auf.
 
 
Eine raue Umgebung in der ich hier unterwegs bin, ungezähmte Natur pur, ich komme mir ganz klein vor in dieser riesigen Steinwüste. Die Felsen sind grossflächig vom sich zurückziehenden Eis glattgeschliffen, das Schleifmittel liegt noch überall verstreut herum und Schmelzwasser fliesst zu Tale. Je weiter nach unten ich in diesem Gletschergarten komme, desto flüssiger ist der Trail fahrbar, im Slalom geht es um die Steine rum, hüeru güet.
 
 
Ich komme zu der Verzweigung wo der Höhenweg von der Täschhütte her einmündet und habe noch eine letzet Steilstufe vor mir. Wie so oft sind die Trail-Sahnestückchen leider viel zu kurz und ich und ich treffe bei Mellichsand schon wieder auf einen breiten Alpweg. Die Pastelltöne weichen wieder dem Grün der Alpwiesen, während ich nach vorne durch das Täschtal rolle. Nochmals ein letzter Blick zurück zum Pfulwe und die Zivilisation hat mich wieder. Bei der Täschalp habe ich den Hauptgang verdaut und bin bereit für das Dessert. Ich halte mich an den Europaweg, welcher mich zum Eingang des Militärweges bringt. Auch diesen kenne ich schon vom Bike-Meet und möchte ihn unbedingt als Abschluss meines Zermatt-Trips nochmals mitnehmen. Es ist wieder der Hammer, ich rocke das Teil ohne Unterbruch wie im Rausch und vernichte über unzählige Kehren die letzten 500 Höhenmeter.
 
 
Nach diesem Schlussfeuerwerk ist die Luft raus und ich gönne mir für den Rückweg nach Zermatt den Shuttlezug. Auf der Bahnhofstrasse treffe ich zufällig wieder auf Roman, er hat mir gerade noch einen guten Tipp fürs Abendessen, da heute das Restaurant im Hotel leider geschlossen ist. Die Einheimischen wissen wo man gut isst in Zermatt, der Fleischspiss vom offenen Feuer im Le Gitan ist superfein, nur etwas grösser dürfte er sein für hungrige Biker. Zum Glück hatte ich mir als Vorspeisen noch ein paar leckere Gambas bestellt und spaziere so anschliessend satt und zufrieden zurück zum Hotel, wo ich den letzten Abend bei einem Singlemalt auf dem Balkon ausklingen lasse. Prächtig waren sie wieder meine Tage in Zermatt, das Dorf ganz hinten im Mattertal inmitten dieser eindrücklichen Berge hat ein ganz besonderes Flair, ich komme bestimmt wieder.

Fazit: Ich hatte am Vorabend noch mit Beat darüber diskutiert, in welcher Richtung die Überschreitung des Pfulwe-Sattels wohl mehr Sinn macht. Die Frage ist eher, macht sie überhaupt Sinn? Wenn man das Bike gerne durch die Gegend schleppt und solche Gerölllandschaften liebt, dann ja. Wenn man aber lieber möglichst viel Zeit auf dem Bike verbringt, dann sollte man es lieber sein lassen, in beide Richtungen muss das Bike auch wieder ein beträchtliches Stück hinuntergetragen werden. Für meine Richtung spricht das schöne fahrbare Stück durch den Gletschergarten und der Militärweg. Für die Gegenrichtung hingegen die durchgehende 1200hm Abfahrt vom Breitboden bis nach Zermatt.
 

volle Distanz: 22.1 km
Maximale Höhe: 3384 m
Minimale Höhe: 1431 m
Gesamtanstieg: 1005 m
Gesamtabstieg: -2651 m

5 Kommentare

  1. ROTSCHER sagt:

    Hammercool 👍. Ganz toller Bericht mit super Bilder. Die Augen sind wirklich ein einladendes und farbenfrohes Fotosujet. Gepaart mit dem Horu unübertrefflich.
    Ich musste erstmal das Web bemühen um die 6 Himmelsrichtungen zu definieren. Normalerweise kennt man ja nur 4. Aber ich habe es richtig erahnt.
    Und übrigens … jetzt bitte den Schalter auf Frühling drehen … ich will bald mit dem Bike nach Zermatt 😎
    #allesROTSCHER

  2. michi220573 sagt:

    Auf der Moräne des Findelgletschers lässt es sich prima biken, auch wenn man nur von der Flue startet. Von weiter oben wäre es aber sich doppelt super:

    http://www.mtb-news.de/forum/t/die-besten-single-trail-freeride-pics-teil-1.434931/page-288#post-10820348

    Das Oberrothorn empfand ich auch als sehr leicht besteigbar, wenn man vom Unterrothorn startet. Oben ist die Luft für Ungeübte aber doch dünn, wie wir damals bemerken mussten. Unsere Abfahrt führte dann aber direkt nach Zermatt via Ze Seewjinen und Findelbach.

  3. Davut sagt:

    Hi Sven
    Timing für die rausgabe deiner Wunderschöne Bericht ist perfekt, ich habe gerade aus meiner Bürofenster nach aussen geguckt und das mit Schnee gemischten Regenwetter mit -4° Temperatur beobachtet und sofort nochmals deine Hochglanz Bilder angeschaut, Landschaft und was für ein Panorama Blick einfach (5*****)

    Ich glaube, ich muss unbedingt das Jahr (2018) viel mehr Zeit für Biken reservieren, so dass ich die wunderschönen Biketouren im unsere Bergen einerseits mit Gipfel (i) Stürmer sowie mit unserem Wallis Profi allesROTSCHER und wenn erlaubt bei Gelegenheit mit dir genissen darf / kann 😎

    Happy-Trails im 2018
    Gruss Davut

    • Sven sagt:

      Hoi Davut, das ist im Winter jeweils auch das Schöne am Schreiben der Berichte, man fühlt sich sofort wieder zurückversetzt in den Sommer … bis man zum Fenster rausguckt 🌨️
      Würde mich freuen, mit Dir und dem wallisROTSCHER dieses Jahr einmal ein Gipfel(i) zu stürmen 😉