Best of Ticino

Südrampe extended
27. Mai 2020
Logenplatz über der Riviera
24. Juli 2020
 
Dieses Jahr ist alles etwas anders, die Ferienwohnung war zwar schon lange gebucht, aber die Vorfreude erhielt dank dem fiesen Krönchenvirus einen Dämpfer und es war lange ungewiss, ob wir überhaupt in die Sonnenstube reisen können. Pünktlich auf die Ticinodays wurden dann aber (fast) alle Einschränkungen aufgehoben und dem Bike Dolce-Vita am Lago di Maggiore stand nichts mehr im Wege, einzig den Pool schafften sie leider nicht mehr rechtzeitig instand zu setzten. War ich die letzten Jahre noch vorwiegend alleine auf den Tessiner Trails unterwegs, so versprechen die diesjährigen Ticinodays eine Gaudi zu werden, da diesmal mit Rotscher, Ändu, David und Marie ein paar gleichgesinnte Spinner dabei sein werden. Am ersten Tag gehen wir es gemütlich an und rollen nach einem ausgiebigen Frühstück hinunter zur Talstation der Gondelbahn, welche uns die meisten Höhenmeter zum Locarneser Hausberg abnimmt. Die letzten Meter legen wir dann aber doch noch aus eigener Kraft zurück und schon bald wechseln die Bikes auf die Schultern, wo sie während den nächsten Tagen noch viel Zeit verbringen werden.
 
 
Von der Antenne auf der Cimetta bis hinauf zur Cima della Trosa ist es nicht weit, ein schöner kleiner Gipfel der bei Wandersleut und Bikern gleichermassen beliebt ist. Mit dem Losmarschieren macht sich auch zugleich Ferienstimmung breit, Corona und die anderen Alltagsprobleme sind plötzlich ganz weit weg, hier oben stehen wir sprichwörtlich über den Dingen. Wir haben Glück, heute ist der Gipfel nicht in Wolken gehüllt und das Panorama ein Augenschmaus, endlich wieder hier im geliebten Tessin.
 
 
Nachdem die Sandwiches in den Bauch gewandert sind, stürzen wir uns in die Abfahrt. Wie ein Pinselstrich führt der Trail im Zickzack durch den grünen Hang zwischen Alpenrosenbüschen hindurch zur Alpe di Bietri hinunter, von hier aus gibt es diverse Abfahrtsmöglichkeiten. Wir wählen heute die Variante über Monti di Lego, wo wir es uns im Grotto bei einem feinen Stück Marronikuchen und einer kühlen Gasosa gutgehen lassen.
 
 
Waren die bisherigen Trails für Tessiner Verhältnisse noch eher lieblich, geht es nach der Pause im Legodörfchen so richtig zur Sache. Durch den Wald kriegen wir einen kleinen Vorgeschmack auf das was uns in den nächsten Tagen noch erwarten wird und das Grinsen ist bei allen gross, als wir das malerische Mergoscia erreichen. Zurück in der Ferienwohnung feilen die einte auf der Terrasse noch an ihren Bikeskills, während die andere schon zum isotonischen Getränk aus heimischer Produktion übergehen.
 
 
Am zweiten Tag steht mit dem Dente Panoramico ein weiterer Wanderklassiker auf dem Programm. Die ersten 1000 Höhenmeter geht es auf der Strasse nach oben und der Schweiss fliesst in Strömen. Mit dem Erreichen des letzten Montis wandern die Bikes dann erneut auf die Schultern und bis zum Gipfel wären es eigentlich nur etwa 400 Höhenmeter, wenn denn David und ich als Guide nicht so kapital versagen würden. Obwohl wir beide schon einmal auf dem Panoramazahn waren, schlagen wir den falschen Weg ein und bescheren so unseren Freunden ein paar zusätzliche Höhenmeter.
 
 
Der Aufstieg hat es in sich, der Hang ist steil und felsig, so dass sogar die Bäume gestützt werden müssen. Ein harter Job, wie man dem Gesichtsausdruck des hölzernen Kollegen entnehmen kann. Wir aber haben immer noch ein Lächeln im Gesicht, wenn auch unser Job keiner der leichten Sorte ist. Wir kämpfen uns weiter den ausgesetzten Pfad hinauf und schon bald kommt der ersehnte Gipfel mit dem grossen Metallkreuz in Sicht.
 
 
Die letzten Meter bis zum Gipfel über die Holzstege sind abenteuerlich. Wir lassen darum die Bikes unten zurück und haben den Panoramazahn ohne zusätzlichen Ballast ruckzuck bezwungen. Die Aussicht entschädigt für den langen schweisstreibenden Aufstieg, der Blick reicht von der Magadinoeben bis hinüber ins benachbarte Italien und in der Ferne können wir sogar den Lago di Lugano erkennen.
 
 
Wieder unten zurück schnappen wir uns die Bikes und durchbrechen die Polenmauer, jetzt kann uns nichts mehr halten. Die Abfahrt ist genial und hat von allen etwas zu bieten, anfangs technisch und verblockt, mutiert sie weiter unten im Wald zum Ticinoflow vom Feinsten, bis wir schliesslich Monti di Motti erreichen. Neben kühlen Getränken gibt es hier leckere Torta di Nona auf Kosten der beiden Hobby-Guides, eine kleine Wiedergutmachung für die zusätzlichen Höhenmeter.
 
 
Zum Rest hinunter bis zum Lago di Vogorno muss man wohl nicht mehr viel sagen, auch wenn ich den Trail schon etliche Male gefahren bin, macht er immer wieder jede Menge Spass. Kurz vor dem Stausee wird der Spass aber jäh durch einen Sturz von Ändu unterbrochen. Ihm ist zum Glück nichts passiert, was man von seinem Schaltauge leider nicht behaupten kann, welches es in zwei Teile zerlegt hat. Beim Abschleppdienst wechseln wir uns ab und erreichen so schlussendlich doch noch die Ferienwohnung, wo wir sogleich dem Grill einheizen. Am Tag darauf steht das Grande Croce Rossa auf dem Programm, der südlichste Zweitausender der Schweiz und einer meiner Lieblingsgipfel am Lago di Maggiore. Während Ändu sich auf die Suche nach einem Schaltauge begibt, machen wir uns auf den Weg zum einstigen Hotspot der Zigarrenindustrie.
 
 
Heute wählen wir die direkte Aufstiegsvariante und zum Aufwärmen gibt es wie schon gestern erst einmal ein paar Höhenmeter auf Asphalt. Danach geht es weiter mit Schieben und Tragen, vorbei an Alpenrosen und durch mannshohe Farnfelder streben wir dem Himmel entgegen. Die Aussicht vom grossen Roten Kreuz muss hart erarbeitet werden, gute drei Stunden sind wir zu Fuss unterwegs, bis wir ganz oben 2000 Meter über dem Seespiegel stehen und diesen in seiner ganzen Grösse überblicken können.
 
 
David hat als einziger das Bike bis fast ganz nach oben mitgenommen und wird dafür mit diesem Trail belohnt. Wir haben unsere Litevilles etwas unterhalb bei der Bochetta deponiert, wo auch wir uns wieder in den Sattel schwingen. Bei dem Panorama weiss man kaum wohin man schauen soll, natürlich vorzugsweise auf den Trail, auch wenn dies einem hier schwerfällt. Etwas vom Besten rund um den Lago und ein Gefühl von grenzenloser Freiheit.
 
 
Der Trail zieht sich dem Hang entlang zur Hütte hinunter, welche da wie ein Adlerhorst am Bergkamm klebt. Eine Hütte mit einer solch spektakulären Aussicht muss man weit herum suchen und der leckere Tirolercake mit viel Schokolade versüsst uns den eh schon genialen Tag gleich nochmals. Das wirkliche Dessert folgt aber erst noch in Trailform. Ich weiss bereits was uns erwartet wird und bin mir sicher, dass auch meine Mitfahrer dabei auf ihre Kosten kommen werden.
 
 
Und sie kommen auf ihre Kosten wie man sieht, 800 Tiefenmeter mit Ticinotrails wie aus dem Bilderbuch stehen uns bevor. Zuerst verblockt und später wunderbar verspielt, tauchen wir ein in das Meer aus Farn. Eine Spitzkehre jagt die nächste, wir können es kaum fassen, die Abfahrt ist der Hammer und endet typisch für die Gegend im Kastanienwald. Ein kleiner Wehmutstropfen bleibt aber dennoch, leider ist die Zeit schon so weit vorgeschritten, dass wir die Tour nicht wie geplant zu Ende fahren können und etliche Höhenmeter auf dem Asphalt vernichten müssen.
 
 
Konstant schönes Sommerwetter bleibt uns leider dieses Jahr vergönnt, der Dienstag fällt buchstäblich ins Wasser und es regnet fast den ganzen Tag. Halb so schlimm, nach der ganzen Bikeschlepperei sind wir einem Pausentag nicht abgeneigt und lassen es uns unten in Locarno bei Pizza und Gelato gutgehen. Vor dem Logenplatz über der Riviera (Bericht folgt noch) heisst unser Ziel am Mittwoch Pizzo Leone. Da Ändus Schaltauge immer nicht eingetroffen ist, kriegt er für heute Rotschers blaues H3 ausgeliehen, welches ihm sichtlich Freude bereitet. Über seinem Kopf erkennt man gut den Gipfel mit dem grossen roten Kreuz, welcher heute in dunkle Wolken gehüllt ist.
 
 
Auf dem Pizzo ist heute die Litevilledichte besonders hoch, böse Zungen sprechen gar von einer Altmetallsammelstelle. Sogar das Gipfelkreuz haben sie extra noch schnell in der Farbe meines grünen Fröschchens angestrichen. Die anschliessende Abfahrt zur Alpe di Naccio ist Deluxe und es wird später im Wald noch viel besser. Quer zu den Höhenlinien geht es im Zickzack in Richtung Rasa, definitiv die beste Variante die ich bisher gefahren bin. Kurz nach Rasa verlässt uns dann leider das Glück. Die dunklen Wolken, welche vorher noch über dem grossen roten Kreuz schwebten, entleeren sich über uns. Im nassen Zustand ist der Rockgarden alles andere als ein Genuss und meine Laune am Tiefpunkt. Meine Kollegen nehmen dies schon etwas gechillter, da könnte ich mir noch eine Scheibe abschneiden, typisch verwöhnter Schönwetterbiker halt.
 
 
Am letzten Tag wollen wir uns eigentlich nochmals zum Pizzo di Claro begeben, aber es beginnt schon im Aufstieg zu tröpfeln und so fällt die Mittagspause bei Jennie in der Capanna Brogoldone halt etwas länger aus. Die Abfahrt ist dann auch dementsprechend rutschig und wir finden den richtigen Pfad nur mit Müh und Not. Die Woche hier im Ticino verging wie im Fluge und ich habe die Zeit mit euch allen sehr genossen. Was gibt es schöneres als mit guten Freunden zusammen die Bikes durch die Gegend zu schleppen, die besten Trails zu rocken und abends gemeinsam zu schlemmen. Ich würde sagen wir wiederholen dies nächstes Jahr, Touren haben wir ja noch genug im Köcher und beim nächsten Mal müsste denn auch endlich der Pool wieder benutzbar sein. In dem Sinne bis zu den Ticinodays 2021, ich freue mich schon.

Danke an David für die vielen super Fotos und für die Tipps, damit unsere Bilder auch bald so gut daherkommen werden.
 

4 Comments

  1. ROTSCHER sagt:

    Ohhh … herrlicher Rückblick. Da macht die Seele Freudensprünge. Ich fühle mich gleich zurückversetzt in die Sonnenstube und auf die Gipfel. Das Tessin so zu erleben ist einfach genial. Da lohnt sich, das Bike durch die Gegend zu schleppen 😂
    Es waren super Tage mit euch !!! ich bin im nächsten Jahr wieder dabei 👍

  2. blackCoffee sagt:

    Hoi Sven, es waren unvergessliche Tage. Ich könnte mich bei diesen abwechslungsreichen Trails und herrlichen Panoramen fast ans Bikeschleppen gewöhnen 😉. Leider verging die Zeit auch für mich viel zu schnell…

    Liebe Grüsse aus dem Aostatal.

  3. Mario sagt:

    Sers Sven,

    Einach nur so genial. Hab mir den Bericht jetzt schon zum 3.mal durchgelesen.
    Das rote Gipfelkreuz hat es mir angetan, ich muss da auch hin ….. irgendwann 😀
    Die Bilder sind einfach nur wunderschön!! Vielen Dank fürs mitnehmen und inspirieren!!!

    Viele Grüße aus der Pfalz

    Mario -> Fibbs79

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